Kann man den alten Brecht und seinen Schulklassiker Mutter Courage und ihre Kinder noch spielen? Aber ja! Das Lernstück wird immer aktueller. Denn die Kinobilder vom Krieg der Sterne, von ferngelenkten Waffen und blanken Monitoren haben uns in die Irre geführt. Längst sind die Kriege in der Ukraine, im Orient, im ehemaligen Jugoslawien ebenso kleinteilig und grausam wie der Dreißigjährige Krieg, wo Brechts 1939 geschriebene Geschichte spielt: die Geschichte der Marketenderin Anna Fierling, die sich so lange vom Krieg ernährt, bis sie alles verloren hat, ihre drei Kinder, ihr Hab und Gut.

Wer dachte, das Stück sei veraltet, den lehrt diese zweistündige Aufführung etwas anderes. Die alten Nationalismen, die alten Glaubenskriege wirken derzeit so frisch wie am ersten Tag, und der Friede, an den wir uns hierzulande 72 Jahre lang gewöhnt haben, kommt uns gefährdet vor. Der Feldprediger sagt: "Daß der Krieg einmal aufhört, ist nicht gesagt. Es kann natürlich zu einer kleinen Paus kommen. Der Krieg kann sich verschnaufen müssen, ja, er kann sozusagen verunglücken. Davor ist er nicht gesichert, es gibt ja nix Vollkommenes allhier auf Erden."

Brecht hat das Stück für die Drehbühne erfunden, und in alten Aufnahmen kann man sehen, wie die Courage ihren Planwagen gegen die Drehrichtung über die Bühne zieht. Die Szenen schwanken an ihr vorbei, der Krieg erscheint in immer neuen Schreckensbildern, doch ewig unverzagt tritt sie auf der Stelle. Philipp Becker (Regie) und Bettina Pommer (Bühnenbild) machen es umgekehrt. Sie zeigen uns eine runde, zum Zuschauer sich neigende Bretterbühne, einen kahlen, düsteren Kreis. In ihn hinein stürzt sich immer wieder ein Haufen anonymer Gestalten. Sie umrunden mit rasendem Trampeln die Akteure, bis den Zuschauer ein Drehschwindel packt. Ebenso plötzlich verschwinden sie, um dann wieder einen Chor zu bilden, der das Geschehen unterbricht und mit Choralgesängen kommentiert. Deren Texte stammen nicht von Brecht. Man hört zum Beispiel die Zeilen des Sophokles: "Ungeheuer ist vieles, doch nichts ist ungeheurer als der Mensch." Man hätte vom Programmheft gerne Genaueres erfahren.

Im Hintergrund sitzen die Musiker und begleiten die von Paul Dessau komponierten Songs. Seine Musik ist nicht so süffig wie die von Kurt Weill zur Dreigroschenoper, sie ist härter, aggressiver, und die Darsteller singen die Lieder genau so vulgär, wie sie gedacht sind, darunter den berühmten Refrain "Das Frühjahr kommt. Wach auf, du Christ! / Der Schnee schmilzt weg. Die Toten ruhn. / Und was noch nicht gestorben ist / Das macht sich auf die Socken nun." Das alles ist nicht zum Lachen, und doch lacht man, wenn der Feldprediger die Courage tröstet, "Wir sind jetzt in Gottes Hand", und sie antwortet: "Ich glaub nicht, daß wir schon so verloren sind."

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 6 vom 2.2.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Brechts triumphaler Sarkasmus ist durchschaubar, aber noch immer wirkungsvoll. Seine Sentenzen wirken wie auf Pappschilder gemalt, doch staunt man über ihre Treffsicherheit. Zu Beginn sagt der Feldwebel: "Man merkt’s, hier ist zu lang kein Krieg gewesen. Wo soll da Moral herkommen, frag ich? Frieden, das ist nur Schlamperei, erst der Krieg schafft Ordnung. Die Menschheit schießt ins Kraut im Frieden."

Philipp Beckers texttreue Inszenierung arbeitet die Pointen sorgfältig heraus, er lässt die Schauspieler zum Publikum sprechen, damit keine verloren geht. Dass die Szenen statuarisch wirken, ist kein Fehler, denn es geht um das Typische, aus dem zu lernen wäre, und nicht um das Konkrete, das man schon kennt. Die Inszenierung verzichtet wohltuend auf politische Anspielungen, die Darsteller tragen schlichte, farblose Alltagsklamotten. Nicht einmal Requisiten gibt es, den Planwagen muss man sich denken. Das funktioniert sehr gut, macht die Aufführung straff und konzentriert.

Die starke Thalia-Truppe überzeugt abermals mit ihrem Können: Gabriela Maria Schmeide ist die Mutter Courage, Lisa Hagmeister ihre Tochter. Paul Schröder und Julian Greis spielen die Söhne, Victoria Trauttmannsdorff die Hure Yvette und Matthias Leja den Feldprediger. Der Kammerchor Altona meistert die Choräle mit bewundernswerter Präzision. Ulrich Greiner

Weitere Termine: 18.2. 20 Uhr, 19.2. 15 Uhr