In der ZEIT Nr. 4/17 bezeichnete Christian Staas die Political Correctness als "Medienphantom" und "Totschlagargument", als "Taschenspielertrick". Denn "die PC [...] hatte in Deutschland von Anfang an viele Gegner und so gut wie keine Anhänger". PC gebe es in Wahrheit nicht; der Begriff sei bloß eine "Moralkeule", mit der Rechts auf Links einschlage, um sich so "auf die richtige Seite" zu stellen.

Dass PC ein Phantom sei, begründet Christian Staas so: "Es gibt kein 'Korrektes Manifest', es existiert kein Parteiprogramm [...], keine Allgemeine Erklärung." Das ist richtig, aber gemäß dieser Logik gibt es auch keinen Faschismus oder Konservatismus. Denn dort sucht man vergebens nach einer Art Kommunistischem Manifest oder den Bibeln des Liberalismus, wie sie John Locke, Adam Smith und die amerikanischen Gründungsväter in den Federalist Papers verfasst haben. Der Konservatismus ist ein immer neuer Reflex auf die Verwerfungen der Moderne, der Faschismus keine Theorie, sondern Tat und Terror.

Einen Karl Marx der PC gibt es in der Tat nicht, aber sehr wohl 13 Millionen Einträge bei Google. So viele "Medienphantome"? Eine handliche Definition liefert der Duden. Political Correctness sei eine "Einstellung". Diese lehne "Ausdrucksweisen und Handlungen" ab, die jemand "diskriminieren", und zwar aufgrund unzulässiger Kriterien: ethnische Herkunft, Geschlecht, soziale Schicht, sexuelle Neigung.

Anders als der Marxismus ist PC keine geschlossene Theorie, die erklärt, was ist und warum, dann verkündet, was sein soll. Das Korrekte ist ein offener Korpus, an dem alle wie bei Wikipedia mitarbeiten dürfen. Wer gehört dazu?

Es sind Politiker und Pädagogen, Sozialarbeiter und Publizisten, Feministen und Akademiker (die sich mit postmodernen Disziplinen wie Identitäts-, Gender- und Drittwelt-Studien beschäftigen), Gewerkschafter und Theologen, Parteiprogrammatiker und Beauftragte aller Art, die als Anwälte von Frauen und Minderheiten agieren.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 6 vom 2.2.2017.

Das sind Menschen aus Fleisch und Blut, keine "Medienphantome". Den Zustand der gebotenen Antidiskriminierung hat PC längst verlassen. Sie ist zum politischen Entwurf geworden, der Gesellschaft und Staat umkrempeln soll – realer geht’s nicht. Wie es programmatisch und nicht als "Taschenspielertrick" funktioniert, zeigt der Koalitionsvertrag des Berliner Rot-Rot-Grün-Senats: "Christ" oder "christlich" kommen null Mal vor; die LSBTTIQ* (Lesben, Schwule ...) 27 Mal. Deren "Förderung" – Berlin als "Regenbogenhauptstadt" – werde die "Arbeit der Koalition bestimmen". Dieses Faktum lässt sich ironisieren, nicht negieren.

Keiner zentralen Instanz untertan, arbeiten die "Theoretiker" im Weinberg des Zeitgeistes. Sie schneiden die Sprache zurück und pfropfen neue Schösslinge auf. Der Prozess ist eine Mischung aus Wikipedia und Facebook. Heraus kommt eine Art Ikea-Mobiliar, das zur geistigen Inneneinrichtung der Nation gehört – wie auch im Rest der westlichen Welt. Das Ziel ist "Gutdenk" oder genauer "Lenkdenk". Das Projekt ist nicht nur ein linkes wie im Stalinismus, wo PC als "korrekte Einschätzung" firmierte, sondern auch ein rechtes, wie wir noch sehen werden.

So es einen Karl Marx der PC gibt, heißt er Humpty Dumpty, ein zu Unrecht vernachlässigter Philosoph aus Lewis Carrolls Alice im Wunderland. Seine Lehre, knapp zusammengefasst: "Wenn ich ein Wort benutze, hat es just die Bedeutung, die ich ihm gebe – nicht mehr und nicht weniger." Alice: "Die Frage ist doch, ob du Wörtern so viele verschiedene Bedeutungen zuteilen kannst." Humpty Dumpty: "Die Frage ist: Wer soll Herr darüber sein? Das ist alles."

So ist es. Wer ist Herr des Verfahrens bei der Benennung, die das Denken, Hören und Handeln prägt? Der noch wichtigere Analytiker der PC ist George Orwell – lange vor Derrida und Lyotard, Multikulturalismus und Poststrukturalismus. Orwell lässt einen Dezernenten aus dem "Wahrheitsministerium" dozieren: "Kapierst du denn nicht den eigentlichen Sinn von Neusprech?" Beschweigen und Beschneiden sollen die "Bandbreite der Gedanken einengen". So "werden Gedankenverbrechen buchstäblich unmöglich, weil es keine Wörter mehr gibt, um sie auszudrücken".