Das Neue? Dieses Geschäft haben früher die Totalitären besorgt, heute tut es die freie Gesellschaft selber, wie es Tocqueville vor fast 200 Jahren im jungen Amerika beobachtet hatte. Es geschieht nicht im Dienste eines Tyrannen, sondern im Namen einer höheren Moral und Empfindsamkeit. Immer häufiger wird das Korrekte in Gesetze gegossen (Umweltschutz, Anti-Rassismus), aber meistens mit sozialem Druck und Beschämung durchgesetzt – was prompt auf der Gegenseite das verdruckste "Das wird man doch wohl noch sagen dürfen" hervorruft.

Am Anfang war alles gut, richtig und notwendig. Ethnische, religiöse und sexuelle Minderheiten mussten aus dem Ghetto der Ausgrenzung befreit werden – so durch Abschaffung des Paragrafen 175, der Homosexualität unter Strafe stellte. Das war 1968. Es geht aber auch ohne staatlichen Eingriff. Wer würde heute noch "Nigger" oder "Kanake" sagen? ("Fuck" oder die deutsche Version sind fast okay.) Eine wachsende Emanzipationswelle rollte erst durch Amerika, dann durch Europa.

In diesem Sinne bezeichnet der oft ironisch oder spöttisch benutzte PC-Begriff kein Phantom, sondern ein gesamtwestliches Phänomen, das von San Francisco bis Stockholm obsiegt. Seit den US-Bürgerrechts- und -Wahlrechtsgesetzen von 1964 und 1965 kamen allerlei Gleichstellungsinitiativen von Amerika bis Europa hinzu. Einst durch Herkunft definierte Staatsangehörigkeit wich der "Naturalisierung": Jeder, der Auflagen erfüllt, die nichts mit "Blut und Boden" zu tun haben, kann Bürger werden, und das ist gut so. Diskriminierung verwandelte sich in affirmative action, in die verordnete Förderung von Frauen und Minderheiten. Dieser stete Trend zeigt, wie sehr die Kultur des Korrekten sich durchgesetzt hat.

Universitäts-Curricula, erst in Amerika, dann hier, schworen dem "Eurozentrismus" ab und stürzten die DWEM, die "dead white European males" (Platon und so), vom Piedestal. Erfindung der Medien, Agitprop von rechts? Es ist eine veritable Kulturrevolution, die sich quer durch die westliche Welt zieht.

Vor knapp zehn Jahren blies ein kluger Beobachter, der Stanford-Professor Hans Ulrich Gumbrecht, dennoch Entwarnung: "Das Ende der Political Correctness zeichnet sich ab." Das Phantom habe sich nach dem langen Marsch durch die Institutionen gleichsam totgesiegt. Jetzt dürfe man sich wieder entspannen und das Beste aus dem "Kanon" heraussuchen, den die Korrekten als Machtinstrument der DWEM in den Reißwolf werfen wollten.

Totgesagte Phantome leben länger. Heute beklagt sich Gumbrecht über deren unaufhörlich wachsenden Einfluss. Reiche Universitäten spendieren Abermillionen für Gender- und Identitätsstudien, derweil die Studenten am "Kern-Curriculum" rütteln. Unliebsame Redner werden vom Campus vertrieben. Wer sich an Halloween einen Sombrero aufsetzt, betreibe "kulturelle Aneignung". So geschehen in Yale, wo der Präsident nach Halloween 50 Millionen Dollar für neue Institute lockermachte.

Mächtige Beauftragte der "Diversitätsindustrie" wachen eifersüchtig auf Einhaltung des neuen Glaubens. Gumbrecht berichtet in der Neuen Zürcher, wie er in die Falle geriet, als er zwei Studentinnen als "gorgeous" – hinreißend – titulierte. Fürderhin wurde er nicht mehr zur Studentenbetreuung eingeladen. Sein Spruch, so belehrte ihn die Dekanin, sei "Mikroaggression", denn verletzt könnten sich alle jungen Frauen fühlen, die sich nicht als "umwerfend" empfänden.

Ein Kollege aus der law school berichtet, dass diese bei der Ersteinstellung einer Frau oder eines Nicht-Weißen schon mal eine halbe Million Dollar als Abfindung zurücklege, um so Prozessen aus dem Weg zu gehen, falls dem Jung-Professor die lebenslange tenure als Ordinarius versagt werde. Anekdoten, gewiss, aber sie lassen ahnen, wie die gebotene Gleichstellung (gleiches Recht für alle) zum einklagbaren Anspruch (für mich) mutiert ist. Anti-Diskriminierung ist rechtens und richtig, aber in der nächsten Phase ist daraus Bevorzugung geworden, die Status- und Geldgewinn verheißt. Und das Gleichheitsprinzip im Namen der Gleichheit untergräbt.