Wer diesen Vorteil nutzt, handelt nicht schnöde, sondern rational: Nimm, was du kriegen kannst. Philip Roth beschrieb vor 16 Jahren in Der menschliche Makel, wie die Feinde eines Professors in der Fakultät ein angeblich übles Wort (spooks – Gespenster) als tödliche Waffe gegen ihn wendeten. Damit habe er zwei schwarze Studenten herabgewürdigt. Der Prof war erledigt. Ein blöder Spruch über die Oberweite einer Reporterin an der Bar, und Ende der Karriere für den FDP-Hoffnungsträger Rainer Brüderle.

Deutschland unterscheidet sich hier nur insofern, als die Entschädigung für Nichtbeförderung oder "sexuelle Belästigung" bescheidener ist. "Frauenfeindlichkeit" ist auch in Deutschland eine probate Waffe, wie eine Episode nach der anderen zeigt. PC an deutschen Universitäten ist keine Erfindung der Medien, sondern in jedem Gremium zu beobachten, wo im Namen des Korrekten symbolische wie materielle Ansprüche angemeldet werden. Auch hier zeugt "Falschdenk" Ächtung und Ausschluss aus der Gemeinde der Rechtgläubigen. "Keine Macht für niemand", die Parole der Achtundsechziger, war vorgestern. Heute heißt es "Mehr Macht für uns!", die wir uns als Opfer der Benachteiligung präsentieren.

Christian Staas sieht den PC-Anwurf als "Moralkeule", welche die Rechte gegen ihre Gegner schwinge, um sie so zu diskreditieren. Er verweist auf den Horror-Auftritt des Schriftstellers Martin Walser in der Paulskirche. Der hatte mit Blick auf Auschwitz gegen die "Dauerrepräsentation unserer Schande" gewettert, dann die besagte "Moralkeule" der Liberalen angeprangert, die inzwischen ins Arsenal der Rechten eingegangen ist.

Staas liegt richtig mit seiner Diagnose. Besser als jede Maschinenpistole ist das Wort, denn es tötet blutlos. Walser gerierte sich als Opfer jener Gutmenschen, die ihm mit der ewigen Nazi-Litanei den Stolz als aufrechter Deutscher geraubt hätten. Staas aber ist entgangen, dass Moralkeulen mit der rechten wie mit der linken Hand geschwungen werden.

Die PC-Brigaden zur Linken, sei’s hier oder in Amerika, sehen sich ebenfalls als Opfer eines Systems, das ihnen Genugtuung schulde: mit Empfindsamkeit und Anerkennung, mit Macht und Materiellem. Dabei reklamieren sie für sich das Recht, allein zu entscheiden, was Diskriminierung & Ausgrenzung sei. Sie wollen wie Humpty Dumpty Herr des Verfahrens sein, Ankläger und Richter zugleich. So werden die Grundfesten der freien Gesellschaft unterspült, die allein im regelhaften Aushandeln bestehen kann.

Wer "Mikroaggression" brüllt, will seine Gegner mundtot machen. Wer wie an so vielen US-Colleges "trigger warnings" fordert, weil dieser Roman oder jenes Drama posttraumatischen Stress erzeuge, will einen Kokon, keine Bildung, die bekanntlich neue Kenntnisse und Gedanken in die Köpfe bringen soll. Machen wir uns nichts vor: Alles, was in Amerika zusammengerührt wird, landet in Europa, genauso wie es bei der PC passiert ist. PC forderte einst das hohe Gut der Gleichberechtigung; heute kann sie Menschen und Karrieren vernichten.

Was "dem eenen sin Uhl ..." PC ist nicht nur eine Waffe der Reaktionäre, wie der Autor glaubt, wenn er schreibt, die "offene Gesellschaft" sei die wahre Zielscheibe der "Kritik von rechts". Das Geflecht der Sprachkontrolle und Vorteilsvergabe war ursprünglich ein linkes Projekt, ein erfolgreiches obendrein. Was Wunder, dass die Rechte aufmerkte?