Als Jesper Juul im Dezember 2012 in Zagreb aus dem Koma erwachte, konnte er sich kaum noch bewegen. Er wurde ins beste Krankenhaus Kopenhagens geflogen, wo die Ärzte eine Autoimmunkrankheit diagnostizierten, die zur Entzündung der Rückenmarksflüssigkeit und dadurch zur Lähmung geführt habe.

Die Krankheit kam ohne Vorwarnung. Klar, er hatte immer maßlos gegessen. Sein Körperumfang gehörte zur Juul-Show, genau wie das Bild des Kette rauchenden Unperfekten, dem es nie darum ging, beliebt oder besonders korrekt zu sein. "Am Anfang dachte ich wirklich, ich könnte wieder reisen. Bis mir klar wurde, das wird nie wieder gehen", sagt Juul. Was den Schicksalsschlag noch existenzieller machte: Nach einem Luftröhrenschnitt hatte Juul seine Stimme verloren. Er, der immer auf Bühnen stand, mit seinen Vorträgen mühelos Theater- und Kinosäle füllte, bekam vier Jahre lang keinen Ton heraus.

18 Monate verbrachte er in einer Rehaklinik. Als er zurück in seine Wohnung nach Odder kam, hatte er kaum Fortschritte gemacht und wusste, dass das so bleiben würde. Doch wenigstens seine Stimme, die wollte er zurück. Fünf Operationen. Die besten Ärzte des Landes. Fünf Niederlagen. Bis man Juul in eine Klinik nach Stuttgart schickte. "I have my old voice back", schrieb er in einer Mail an die ZEIT im November vergangenen Jahres. Nur diesen einen Satz, der klang wie ein Wunder.

Juul redet leise. Fast vorsichtig. Er macht Pausen, sucht häufig nach einem Wort. Es habe fast vier Jahre gedauert, bis er das Gefühl hatte, wieder denken zu können wie früher. "Ich war sehr langsam, konnte nicht mehr fokussieren, meine Gedanken wanderten. Wenn mir eine Zeitung sechs Fragen geschickt hat, habe ich drei bis vier Tage daran gesessen, sie zu beantworten. Heute brauche ich zwei Stunden."

Die Leute sind sehr ehrlich, sie glauben, mir alles erzählen zu können

Juuls Smartphone liegt in Reichweite seines linken Arms auf dem weißen Tisch neben einer langen Tablettendose und ein paar Mandarinen. Es summt, vibriert. Zeitungen fragen an, Zeitschriften, Verlage, Journalisten, Lektoren. Sie wollen Bücher, Kolumnen, ein schnelles Zitat, eine kurze Einschätzung aktueller Verhaltensauffälligkeiten junger Eltern. Sie alle wollen ihn zurück.

Als Jesper Juul keine Stimme hatte, schrieb er auf, was er zu sagen hatte. Interviews, Verhandlungen mit Lektoren – alles lief über E-Mail. Er bot auch Eltern an, sie auf diesem Weg zu beraten. Wie geht das, Familien zu helfen, die man nicht sieht, nicht hört? Gut, sagt Juul. "Die Leute sind sehr ehrlich, sie glauben, mir alles erzählen zu können." Er lese viel zwischen den Zeilen, bekomme schnell ein Gespür für die Situation in den Familien und merke, an welchen Stellen des Textes es Tränen gab. "Menschen sind nicht so verschieden, sie werden durch die gleichen Dinge traurig." Jesper Juul tippte dann lange Antworten in seinen Computer, meist mit einer Hand, der linken. Egal, wie viel Kraft ihn das kostete. Juul war sofort nach seiner Erkrankung klar, dass er den Kontakt zu den Eltern nicht aufgeben darf. Er muss wissen, woran Mütter und Väter verzweifeln.

Als er sich vor einigen Wochen mit schwedischen Familientherapeuten zu einem Arbeitsgespräch traf, spürte er plötzlich, wie nervös er war, spürte seine Grenzen. Grenzen, die es früher für ihn nicht gab. Da ließ er jede Kritik, jeden Zweifel an sich abprallen. Wenn man ihm vorwarf, nicht akademisch oder wissenschaftlich genug zu sein, ohne Methode zu arbeiten, machte er daraus sein Markenzeichen: "Ich möchte gar keine Methode."

Mit 16 Jahren fuhr Jesper Juul als Koch zur See. Später jobbte er als Tellerwäscher und Barkeeper, bevor er sich zum Lehrer ausbilden ließ und mit verhaltensauffälligen und kriminellen Jugendlichen arbeitete. Pädagogen betrachteten die Eltern damals als durchweg schuldig und in der Arbeit mit den Jugendlichen vor allem als störend: "Das Kind war deshalb so unmöglich, weil es schlechte Eltern hatte." Dass Juul damals begann, sie zu ermutigen, ihr Kind so anzunehmen, wie es ist, und eine echte Beziehung zu ihm aufzubauen, das legte den Grundstein für seine familientherapeutische Arbeit.