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Kanzlerin Merkel ist unter den europäischen Staatschefs diejenige, die die Türkei am häufigsten besucht. Einen ähnlichen Rekord hält sie unter den deutschen Kanzlern. Jeder weiß, dass nicht Sympathie für Erdoğan hinter dieser "Türkei-Liebe" steckt. Der Grund für Merkels sechste Türkei-Reise in anderthalb Jahren ist die Flüchtlingskrise.

Die ersten Besuche fanden unter Druck statt: Flüchtlinge bestürmten die Pforten des Balkans, die Küsten der Ägäis. Eine schnelle Lösung war gefragt. Die Türkei sagte zu, für drei Milliarden Euro drei Millionen Flüchtlinge aufzunehmen. Türkischen Bürgern wurde Visafreiheit versprochen, wenn Ankara die EU-Kriterien einhielte.

Ein Abkommen wurde geschlossen, von dem die meisten annahmen, es würde nicht funktionieren: Weder war Erdoğan, der sich zunehmend autoritär gerierte, bereit, die Kriterien zu erfüllen, noch würde ein sich abgrenzendes Europa der Türkei mit ihrer großen Bevölkerung Visafreiheit einräumen wollen.

Als dann die von Europa zugesagten Gelder nicht pünktlich eintrafen, drohte Erdoğan damit, die Flüchtlinge weiterzuschicken. Daraufhin kam Merkel, um Erdoğan zu beschwichtigen. Diese Besuche waren von Abfuhren wie von Zugeständnissen geprägt. Merkel weigerte sich, Erdoğans umstrittenen Palast zu besuchen, zu Ankaras Ausfällen gegen die Demokratie aber schwieg sie, zumindest öffentlich. Aufrufe, Vertreter der Opposition zu treffen, die die andere Hälfte der Türkei ausmacht, überhörte sie.

Diesmal stellt sich die Situation etwas anders dar. Zum einen ist Deutschland mit dem Flüchtlingsabkommen glücklich, der Ansturm ist gestoppt. Der Balkan und die Ägäis sind unter Kontrolle. Damit ist Erdoğan, der Geld von Europa erwartet, seinen Trumpf los, mit der Öffnung der Grenzen zu drohen.

Zweitens steht Merkel vor Wahlen. Ihr Rivale Schulz sagt, die Türkei entferne sich mit "atemberaubender Geschwindigkeit" von europäischen Werten und steuere auf eine Ein-Mann-Herrschaft zu. Vermutlich wird Merkel unter dem Druck einer Erdoğan kritisch gegenüberstehenden Wählerschaft dieses Mal in Ankara auch mit der Opposition reden. Es wäre auch keine Überraschung, wenn sie auf der Pressekonferenz ihren Ton ändern und das Unrechtsgeschehen in der Türkei erwähnen würde.

Ein schwieriges Kapitel dürften die Oppositionellen aus der Türkei sein, die sich in Deutschland in Stellung bringen. Erdoğan glaubt, mit europäischen Staatschefs umspringen zu können wie mit den Richtern im eigenen Land, und will ihnen Weisungen erteilen. "Warum kommt ihr unseren Auslieferungsforderungen nicht nach?", fragt er. Da wird bei Ankara-Besuchen europäischer Politiker dann viel Zeit dafür aufgewendet, den Gesprächspartnern das Prinzip unabhängiger Justiz zu erklären. Das dürfte diesmal nicht anders sein. Ankara wird die Auslieferung der rund 40 Offiziere fordern, die jüngst in Deutschland um Asyl nachsuchten. Die deutsche Seite wird Erdoğan an die Statements zur Wiedereinführung der Todesstrafe, an Folterberichte und an Ausgelieferte erinnern, die schon am Flughafen auf dem Vorfeld attackiert wurden.

Zwischen Ankara und Berlin herrscht eine Art Hassliebe. Die Liebe wurde vom Flüchtlingsproblem gespeist. Ist das Thema durch, könnte die Nadel in Richtung Hass ausschlagen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe