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Manchmal hängt, worüber wir Journalisten schreiben, nicht von unseren eigenen Ideen ab, sondern von einem uniformierten Geheimdienstler. Der steht an einem Januartag an einem Checkpoint in der Ostukraine. Er schüttelt den Kopf und sagt: "Ihr dürft hier nicht lang."

Wir stehen an einem Checkpoint, der Oktjabr heißt. Eisiger Wind jagt über die flache Ebene, die Sonne spiegelt sich in einem zugefrorenen See. Um uns herum stehen die Reste dessen, was früher ein Hof gewesen sein könnte: zerschossene Wände, zerfetzte Dächer, von Mörsern zerfurchte Äcker. Provisorisch haben sie Wachstuben errichtet, aus denen Uniformierte kommen, die zum vierten Mal lustlos unseren Wagen durchwühlen.

Wir sind hier, weil wir über die Arbeit der OSZE in der Ukraine und den Separatistengebieten berichten wollen. Und eigentlich haben wir alle nötigen Genehmigungen dafür bei uns. Um sie zu erhalten, hatten wir zugesichert, dass wir lediglich die OSZE-Beobachter begleiten und uns unter keinen Umständen auf eigene Faust bewegen würden. Doch nun verhört der Geheimdienst der Separatisten unsere ukrainischen Mitarbeiter. Es scheint, hier, eingekeilt zwischen zwei Fronten, sind Abmachungen nichts wert. Hier endet die Kontrolle des ukrainischen Staates. Es beginnt das Reich der Willkür.

Im Februar jährt sich zum zweiten Mal die Unterzeichnung des Minsker Abkommens, das von den OSZE-Beobachtern überwacht wird. Das Abkommen soll den Frieden in der Ukraine garantieren, aber es funktioniert nicht. Täglich ertönt irgendwo das dumpfe Geräusch von Mörsergranaten und Grad-Raketen. Wochen, in denen keine Toten zu verzeichnen sind, sind gute Wochen, und die werden rar. Es wird wieder gestorben in diesem Krieg, so viel wie seit Mitte Dezember nicht mehr, derzeit eskaliert die Lage wieder.

Nach einer Stunde kommen unsere Mitarbeiter aus dem Verhör. Sie berichten, einer der Uniformierten habe ihnen die Anweisung gegeben, die beiden Deutschen – gemeint sind der Fotograf Sebastian Bolesch und ich – nicht durchzulassen. Sie kannten unsere Namen und unsere Autokennzeichen. Sie wussten sogar, wir würden hier entlangfahren. Offenbar hatten sie bereits auf uns gewartet.

Am ersten Tag unserer Recherche hatten wir mit Alexander Hug, dem Vizechef der OSZE-Mission in der Ukraine, Schulklassen besucht nahe der "Kontaktlinie", wie die Front in der Sprache der Diplomaten heißt. Wir rumpelten verwaiste Felder entlang, die niemand mehr bestellt, weil in der Erde Minen lauern. Wir suchten das Dorf Schyrokyne auf, in dem kein Mensch mehr lebt und kein Haus mehr heil ist, durch das aber nach Einbruch der Dunkelheit noch immer Schüsse hallen.

Das Leid auf dieser Seite, die Zerstörung durch die Angriffe der Separatisten, das ist ein Teil der Geschichte. Der andere Teil liegt hinter dem Checkpoint, den wir nun nicht passieren werden. Er liegt in der von Separatisten ausgerufenen Donezker Volksrepublik, wo Wohngegenden immer wieder durch ukrainische Soldaten beschossen werden.