Ernsts Problem – Seite 1

Die Uni Greifswald will ihren Namenspatron loswerden. Wenn das mal so einfach wäre.

Wenn die Bundeskanzlerin öffentlich eingesteht, "einigermaßen fassungslos" zu sein, muss etwas geschehen sein in der Welt. Denkt man. Und tatsächlich sind Angela Merkel diese Worte in der vorigen Woche über die Lippen gegangen. Aber der Grund ihres Ärgers war nicht Trump, der Brexit oder die CSU – sondern ein Ereignis, das eine nordostdeutsche Stadt in Wallung bringt. In Greifswald, in Merkels Bundestagswahlkreis, tobt ein erbitterter Streit: Die Ernst-Moritz-Arndt-Universität will sich ihres Namensgebers entledigen. Und sie, Angela Merkel, sei darüber eben "einigermaßen fassungslos".

Der veritable Kulturkampf, der da in Greifswald ausgebrochen ist, dreht sich um die Frage, ob der Gelehrte, Freiheitskämpfer und Paulskirchen-Abgeordnete Ernst Moritz Arndt, 1769 auf Rügen geboren, noch tragbar ist als Pate einer modernen, weltoffenen Uni. Oder ob Arndt, einst selbst Student und Professor in Greifswald, nicht vielmehr eine Altlast ist – weil er in seinen Werken zu Hass und Krieg aufgerufen hat und dabei regelmäßig nationalistische, antifranzösische und antisemitische Töne anschlug (ZEIT Nr. 5/17). So richtig Fahrt aufgenommen hat die Diskussion erst, als der Beschluss zur Umbenennung schon gefallen war: Vor zwei Wochen entschied der Senat der Hochschule, den Namen Ernst Moritz Arndt abzulegen. Dabei ist die Debatte um ihn nicht neu. Dass sie jetzt laut und heftig tobt, liegt auch daran, dass dies besondere Zeiten sind. Weshalb besondere Allianzen entstehen. Die einen, CDU, AfD und sogar einige Linke, sehen in Arndts Ende den nächsten Fall von übertriebener Political Correctness. Der Historiker Götz Aly, immerhin einer der renommiertesten NS- und Antisemitismusforscher, sagte: Diese Umbenennung sei ein Werk von "Geschichtsexorzisten", die als "Teufelsaustreiber" in der deutschen Nationalgeschichte "reichlich Futter" fänden.

Andere verweisen darauf, dass Greifswalds Studenten seit 25 Jahren immer wieder fordern, der Schandname Arndts möge endlich getilgt werden. Sei es nicht schon Zeichen genug, dass Hermann Göring – in seiner Funktion als preußischer Ministerpräsident – den Titel 1933 verlieh?

Andererseits: In ganz Deutschland heißen Straßen und Schulen nach Arndt, in Leipzig etwa eine Wohnstraße in der eher links-alternativen Südvorstadt.

Was tun?

Die AfD hat den Greifswalder Streit, natürlich, als Chance erkannt. Zumal Ralph Weber, AfD-Abgeordneter im Schweriner Landtag, im eigentlichen Beruf Jura-Professor in Greifswald ist. Weber findet, es sei ein "verheerendes Signal", einen "Vorkämpfer für die Einheit und das Zusammenwachsen Deutschlands" aus dem Uni-Namen zu streichen – wo doch diese Einheit erst seit 27 Jahren vollzogen sei! Das ist noch recht sachlich, verglichen mit einem anderen Argument, das Weber in die Waagschale wirft. Dass nämlich viele von denen, die an der Abstimmung gegen Arndt mitgewirkt hätten, "aus Westdeutschland stammen, hier regional nicht verwurzelt sind und Greifswald spätestens nach dem Studienende wieder verlassen werden".

Plötzlich stehen sich also auch gegenüber: Einheimische und Zugereiste. Dass die Dozenten und Studenten der Uni – noch dazu jene, die aus dem Westen stammen – über ihren Uni-Namen entschieden haben, ohne die Stadtgesellschaft zu fragen, empört viele Greifswalder. Fast alle haben eine Meinung zu Arndt, fast alle diskutieren aufgebracht mit ihren Mitmenschen, und fast immer geht es dabei nicht um Arndts Werk und darum, wie es zu bewerten sei. Sondern eher um das Gefühl, nicht gefragt worden zu sein.

Vor allem im Internet, bei Facebook, liest man das. Da fordern manche, man solle die Arndt-Gegner "teeren und federn und aus der Stadt jagen", es seien ja ohnehin bloß "Zugezogene", denen es an der nötigen "Identifikation mit der Heimat" fehle. Von "Arndt-Hassern" ist die Rede, und, auf der Gegenseite, von "verkappten Salon-Nazis". Die Namensbefürworter sammeln Geld für eine Kampagne zur Rettung Arndts, eine "Großdemo" ist in Planung. Eine Gegenbewegung gibt es auch, sie plant eine Anti-Arndt-Demo und ist vor allem gegen jene gerichtet, die für Arndt sind. Aus der CDU ist derweil zu hören, man erwäge, als Retourkutsche für die Arndt-Absetzung nunmehr die Tilgung von linken Heldenfiguren wie Ernst Thälmann, Karl Marx oder Anton Makarenko aus den Greifswalder Straßennamen zu fordern.

Haben die Arndt-Gegner getrickst?

Die CDU ließ in dieser Woche sogar eine Sondersitzung der Greifswalder Bürgerschaft einberufen. Wiewohl der Oberbürgermeister, ein Grüner, seinen Mitbürgern schon vorher erklärt hatte, dass die Bürgerschaft bei der Namensgebung der Uni leider "nichts mitzureden" habe – das sei Sache der Hochschule, die Sitzung mithin sinnlos. Die Uni-Rektorin, Johanna Eleonore Weber, rief die Greifswalder zu Mäßigung und Besonnenheit auf. Die demokratische Entscheidung des Senats sei zu respektieren.

Das Problem ist: So respektabel, so urdemokratisch, wie die Rektorin behauptet, ist die Entscheidung, Arndt abzuschaffen, dann doch nicht gefallen. Es gibt nämlich einige Hinweise darauf, dass die Arndt-Gegner getrickst haben. Indem sie den Beschluss, dass der Name getilgt wird, in aller Stille herbeiführten.

Dazu muss man wissen: Seit den neunziger Jahren hatte der Senat schon mehrfach darüber nachgedacht, den Namen abzulegen – und letztlich stets für die Beibehaltung gestimmt. Zuletzt 2010, nach monatelangen Auseinandersetzungen. Damals hieß es: "Das Ergebnis der demokratischen Abstimmung muss nun jedoch akzeptiert werden." Für immer.

2017 wurde aber doch wieder abgestimmt, und diesmal haben die Arndt-Gegner aus ihren Fehlern gelernt. Zwar wurde eigens eine Namenskommission eingesetzt. Die verständigte sich allerdings einstimmig darauf, keine große Diskussion über den Patron vom Zaun zu brechen, denn diese Diskussion sei schädlich für die Uni. Entschieden wurde also auf Basis derselben Fakten wie 2010, ohne neue Debatte – nur dass diesmal ein anderes Ergebnis herauskam.

Gleich nach der Abstimmung verkündete Uni-Rektorin Weber nun, sie wünsche sich, "dass auch diejenigen Mitglieder der Universität, die eine andere Entscheidung gewünscht hätten, die mehrheitlich getroffene Entscheidung des zuständigen, demokratisch gewählten Gremiums respektieren". Diese Äußerung erzürnte den Jura-Professor Joachim Lege derart, dass er eine E-Mail an seine "Magnifizienz" aufsetzte. Darin schreibt er: "Es ist eher das Kennzeichen von Diktaturen, so lange abstimmen zu lassen, bis das Ergebnis stimmt, und dies dann für das einzig gültig demokratische zu halten." So wuchtig geht es in Greifswald zu.

Lege war einer der wenigen, die schon vor der Abstimmung geschimpft hatten. Weltfremd, postfaktisch und populistisch sei die Arndt-Debatte, weil offenbar niemand ein Interesse daran habe, sich tatsächlich mit dem Werk dieses Schriftstellers zu befassen. Es gehe nur um Gefühle.

Diesen Eindruck gewinnt auch die Kanzlerin. Eine Parteiveranstaltung in Grimmen bei Greifswald am vergangenen Samstag – einen Tag, nachdem sie sich "einigermaßen fassungslos" über die Umbenennung gezeigt hatte. Angela Merkel steht schon wieder am Rednerpult und erwähnt auch die Hochschule. Um genau zu sein: Sie spricht von der "Universität Greifswald" – als sei das der selbstverständliche Name. Worauf es schlagartig still wird im Saal. Merkel, leicht irritiert, schiebt nach: "... deren Namen Ernst Moritz Arndt ich ruhig noch mal erwähnen will".

Nun: donnernder Applaus.

Merkel erklärt, sie sei über die Umbenennung "erstaunt", worauf ein CDU-Mann ruft: "Empört, nicht erstaunt!" Da wird es auch der Kanzlerin zu bunt: Empörung, mahnt sie, sei zwar "eine schöne Sache, das kann man auch machen". Aber sie habe bei Helmut Kohl gelernt: "Entscheidend ist, was hinten rauskommt."

Was die Kanzlerin damit sagen wollte? Das wissen ihre Parteifreunde hinterher auch nicht so recht. War es womöglich ein Aufruf zur Mäßigung? Soll man sich abfinden? Vincent Kokert, CDU-Fraktionschef im Schweriner Landtag und schwer entnervt von seinen Greifswalder Parteifreunden, würde sich jedenfalls freuen, wenn man sich ein bisschen beruhigen könnte. Für ihn ist der Streit um Arndt schlicht "eine Luxusdebatte". Die Greifswalder Uni, unter notorischem Geldmangel leidend, habe wirklich andere Probleme.