Wir wirbeln durch den Raum, Hüfte an Hüfte, Bauch an Bauch. Eine Nähe, die man sonst nur im Schlafzimmer hat. Dabei kenne ich den Tanzlehrer, Herrn Petrovic, erst seit vier Minuten. Ich rieche das Waschpulver seines Hemdes, er vermutlich mein Tic Tac. Was alles verrät mein Körper diesem fremden Mann?

Plötzlich bleibt er stehen, dreht die Walzermusik ab und stellt fest: "Sie sind es gewohnt, allein zu tanzen. Aber jetzt müssen Sie zu zweit tanzen."

Na super. "Wollen wir nicht erst mal die Grundschritte durchgehen?", versuche ich, von mir abzulenken.

"Die Schritte beim Walzer sind leicht. Es geht um die Haltung", antwortet er ungerührt. Ich fürchte plötzlich, dass alle meine Charakterschwächen und Defizite ans Licht kommen. Alleintänzerin, aha.

Aber da muss ich jetzt wohl durch. Morgen Abend besuche ich den Zuckerbäckerball. Es ist mein erster Ball überhaupt, den Abschlussball in der niederrheinischen Provinz vor einem Vierteljahrhundert vergessen wir mal lieber. Der Zuckerbäckerball ist einer der größten von unglaublichen 450 Bällen zur Wiener Walzer-Saison, die im Februar ihren Höhepunkt hat. Jede Berufsgruppe scheint ihren eigenen Ball zu veranstalten: Da gibt es den Polizistenball, den Kaffeesiederball, Juristenball, Ärzteball, Philharmonikerball. "Es ist unglaublich, was an Energie, Arbeitsleistung und Geld in einer Ballnacht verbrannt wird", hatte mir am Vormittag Andreas Großbauer, erster Geiger und Vorstand der Wiener Philharmoniker, erklärt. Schon jetzt bin ich Teil dieser traditionsreichen Verbrennungsaktion, mit dieser Walzer-Privatstunde in der Tanzschule Elmayer, die seit 1919 existiert und unter anderem Ball-Blitzkurse anbietet. Die Unterrichtsstunde gehört zu einem bunten Paket, das ich mir für diese viertägige Reise zusammengestellt habe: Morgen wird noch ein geliehenes Kleid auf mein Hotelzimmer gebracht, und ein Stylistenteam schaut vorbei. Sogar das Wetter macht mit: klirrende Kälte und eine strahlende Wintersonne, die im Frost funkelt, sodass die herrschaftlichen, eleganten Gebäude des 1. Bezirks wie mit Zucker überzogen glitzern.

In Zeiten erhitzter Debatten über Gender- und Identitätspolitik scheint es eine merkwürdige Entscheidung zu sein, sich als Frau ausgerechnet in eine rauschende Ballnacht zu stürzen. Aber ich will wissen, wie die glamouröse Welt der Wiener Bälle, die einem immer wieder im Fernsehen entgegenglänzt, wirklich ist. Obendrein feiert der berühmteste Tanzwalzer, der Donauwalzer, dieses Jahr sein 150-jähriges Jubiläum – es ist also die Gelegenheit schlechthin. Und ich muss gestehen, dass ich die Sache bereits jetzt genieße: Ein Sisi-Gefühl überkommt mich.

Natürlich ist es auch eine Reise tief ins 19. Jahrhundert, als die Wiener Ballkultur geboren wurde: Kann man am kreiselnden Führen-und-Geführtwerden etwas über das Mann-Frau-Verhältnis ablesen? Wie es sich verändert hat – auch im Dreivierteltakt?

"Sie müssen den rechten Arm wirklich fest machen", mahnt Herr Petrovic jetzt, "damit ich Sie steuern und drehen kann." Ich versuche es, aber entweder knickt mein Arm ein, oder ich schummele unwillkürlich, führe die Bewegung heimlich selber aus – was er natürlich spürt. "Auch wenn die Bewegung von nur einem ausgeht, fühlt man sie gemeinsam", klärt er mich über unser Tanzgefühlsleben auf. Schön wär’s. Die Musik spielt wieder, sein rechtes Bein drückt irgendwie fordernd gegen mein linkes, meinen erschrockenen Rückwärtsschritt lässt er als unseren Tanzbeginn gelten und verhilft mir sogleich zu einer kompletten Rechtsdrehung um die eigene Achse, ganz leicht, völlig magisch. Noch eine und noch eine, seine Hand im Rücken stützt mich, seine Hüfte dirigiert mich durch den leeren Saal. So also ist das, wenn der Mann führt. Nicht schlecht. Eigentlich sogar ganz und gar nicht schlecht.

Schon am ersten Tag dieser Reise, als ich im Braut- und Ballrobengeschäft Flossmann in unzählige Mietkleider stieg, spürte ich eine Verwandlung. Begeistert strich ich über all diese hochfemininen Stoffe und bestaunte die bodenlangen, mit Pailletten, Spitze und Glitzer versetzten glamourösen Kleider, an denen ich in Kaufhausabteilungen bislang naserümpfend vorbeigegangen bin. Am Ende wurde es ein Traum in Rosa.

Feiern gegen die Niederlage

Im Ohr hatte ich da schon längst, passend zum Jubiläum, den Donauwalzer (Austrian Airlines spielte ihn auf dem Rollfeld). Johann Strauss komponierte ihn ursprünglich zum Fasching, als Chorwalzer für einen Männergesangsverein. Dessen Hausdichter, der Polizeikommissar Josef Weyl, schrieb dazu einen lustigen Text, der die Wiener zum Feiern und Genießen aufforderte – mitten in einer tiefen Krise: Im Jahr zuvor waren die Österreicher von den Preußen bei Königgrätz geschlagen worden, der verlorene Krieg führte direkt in die ökonomische Depression. Feiern gegen die Niederlage: Legitim? Verwerflich? Cool?

In der Orchesterfassung An der schönen blauen Donau wurde der Donauwalzer jedenfalls zum Welthit, die Klaviernoten verkauften sich schnell über eine Million Mal. Später, im 20. Jahrhundert, spielten Tom & Jerry das Stück auf dem Klavier – so wie ich übrigens auch, da war ich neun. Doch der Donauwalzer hat auch andere Seiten: Stanley Kubrick ließ mit ihm in 2001: A Space Odyssey das Weltall klingen. Der Walzer sei nicht nur freundlich und heiter, sondern auch zutiefst melancholisch, sagte mir Andreas Großbauer am Vormittag.

"Mehr Spannung im Arm!" Testweise drückt Herr Petrovic immer wieder dagegen, bis ich mich seinem Druck anvertraue und wie eine Teetasse am Henkel um die eigene Achse drehen lasse, passiv und aktiv zugleich bin. Es ist ein körperliches Begreifen. Am Ende der Stunde haben wir das rasante Originaltempo des Wiener Walzers erreicht. Ich bin atemlos, ein bisschen verschwitzt und total euphorisch.

Es klappe zwar immer besser, resümiert Herr Petrovic trocken, aber punktuell auch immer wieder nicht. Das stimmt. Und es macht mich glücklich, dass wir sogar mein zwischenzeitliches Versagen gemeinsam spüren.

Klar ist mir nun auch, warum der Wiener Walzer zunächst nur vom einfachen Volk getanzt, bei der Hofgesellschaft des ausgehenden 18. Jahrhunderts verpönt war. Der richtige, echte Wiener Walzer ist tatsächlich ein extremer Tanz. Wie eine Vorübung zum Sex. Erst mit dem Wiener Kongress 1814/15 und dem flankierenden Unterhaltungsprogramm wurde der Walzer salonfähig, und man erkannte, was durch ihn möglich wurde: ungestraft Intimität mit fremden Damen und Herren zu erleben.

Den Grund für die Beliebtheit des Walzers sieht der Strauss-Experte Professor Helmut Reichenauer aber auch in etwas anderem: Die Drehbewegung erzeuge einen Schwindel, man gerate außer sich, ja in einen Rausch, erklärte er mir bei meinem Besuch im Museum der Johann Strauss Dynastie, das er leitet. Außerdem bedürfe ein Dreivierteltakt stets einer Ergänzung, man könne nicht stehen bleiben – und fühle sich wie ein Perpetuum mobile, wolle immer weiter.

Außer zum Tanzen diente ein Ball früher auch als Anbahnzone und zur Brautschau. Heute gehen hauptsächlich Pärchen und Gruppen auf die Bälle, und die bleiben eher unter sich. Deshalb habe ich vorab über eine Agentur einen sogenannten Taxitänzer gebucht, einen Begleittänzer. Auf manchen Bällen gibt es auch "Inseln" – Bereiche, auf denen sie kostenlos zur Verfügung stehen, falls der Partner schlappmacht oder gar nicht erst vorhanden ist. Dass ich mir einen Mann miete, hat im Freundinnenkreis für Heiterkeit und Oh-là-làs gesorgt. Es geht aber wirklich nur ums Tanzen.

Am Abend der Ballnacht bin ich mit dem Unbekannten im noblen Restaurant Vestibül verabredet und nun doch etwas aufgeregt vor meinem speziellen Blind Date. Sophie und Dariush, die für Wiener Bälle und auch für Austrias next Topmodel stylen, haben alles gegeben: Ich komme mir vor wie die personifizierte Sünde, die schönste Trophäe eines Kautschukbarons. Von der Agentur weiß ich: Stefan ist 29 Jahre alt, 184 Zentimeter groß und studiert Elektrotechnik, was auch sofort plausibel wirkt, als ich ihn sehe. Das Ganze sei keine Form von Escort, wie seine Agentur noch einmal betonte, sondern ein reiner Tanz-Service. Der Hinweis ist in unserem Fall binnenchemisch betrachtet wohl überflüssig. Vielleicht ist das ohnehin gut. Dann können wir uns aufs Tanzen konzentrieren.

Im Fiaker zum Ball

Bei Hummerkrautfleisch und Filet vom Stör machen wir Small Talk. Stefan ist gut gelaunt, höflich und aufmerksam. Aber kann ich mit diesem Mann eine Nacht Bauch an Bauch zubringen?

Testfrage: "Bin ich mit 43 Jahren die älteste Frau, die dich zum Tanzen bucht?" Die Antwort klingt amüsanter als gewollt: "Nein, einmal hat mich eine Gruppe Seniorinnen gebucht. Das war sehr lustig!"

Frisch also und undiplomatisch, nun ja. Ich fühle mich mütterlich-nachsichtig. Vielleicht nicht ganz das perfekte Ballgefühl. Hoffentlich ist Stefan wenigstens ein guter Tänzer. Er habe fünf Jahre bei Elmayer tanzen gelernt, sagt er da, als errate er meine Gedanken.

Also schnell zum Ball, natürlich im Fiaker. Die Situation ist fast erpresserisch romantisch: Wir fahren in einer Kutsche durchs winterliche Wien, vorbei am eleganten Volksgarten, an festlich angestrahlten historischen Gebäuden, und tauchen schließlich in kleine Gassen ein. Sie führen uns direkt vor die lange, machtvoll geschwungene Front der Hofburg, der ehemaligen Residenz der Habsburger, vor der bereits eine Menschenschlange wartet. Wir reihen uns ein, und ich versuche jetzt, mich diesem fremden Mann und den Abläufen zu überlassen wie gestern dem Walzerschwung.

Der Eingangsbereich strahlt hell und prachtvoll; weißer Marmor, Säulen, festliche Blumengestecke und rote Läufer. Wir arbeiten uns im Menschengedränge zwischen Luftbussis langsam vorwärts, mein Arm jetzt in Stefans eingehakt. Die Hofburg breitet sich vor uns aus in großen Korridoren und kronleuchterbehängten Sälen. Ein riesiger Schokobrunnen fließt, Konditoren präsentieren ihr Handwerk, Torten leuchten im Blitzlichtgewitter, die schönste wird später im Wettbewerb gekürt. Es duftet nach Gebäck. Der Zuckerbäckerball gilt als einer der lustigsten und bodenständigsten. Es sind alle Altersstufen vertreten, auch viele junge Leute, Lehrlinge, vermuten wir.

Wir beschließen, kurz auf die Empore zu gehen, um den Hauptsaal von oben zu sehen. Als ein Sicherheitsmann uns aufhält, ergreift Stefan männlich das Wort und erklärt dann noch: "Die Dame gehört zu mir."

Mein Zusammenzucken bemerkt er: "War das unhöflich?"

"Na ja", knurre ich, "es ist wohl eher umgekehrt."

Erst später begreife ich, dass er eigentlich alles richtig gemacht hat. Selbstverständlich obliegt es dem Mann, der Frau den Weg durch den Dschungel der Hofburg zu schlagen. Mit Sätzen wie "Die Dame gehört zu mir" sorgt er obendrein für Weiblichkeitsgefühle bei mir. Ein Ball ist keine feministische Veranstaltung. Er ist die Fortsetzung des Tanzes der Geschlechter während der letzten Jahrtausende.

Österreichs Tanz-Papst

Im Hauptsaal nehmen wir an einem Gemeinschaftstisch direkt an der Tanzfläche unsere reservierten Plätze ein. Was nun aussieht wie eine Massenhochzeit der Moon-Sekte, ist der traditionelle Einzug der Debütanten: Junge Frauen in weißen Kleidern werden von ihren schwarz befrackten Partnern feierlich in den Saal geführt und tanzen zum Donauwalzer. Mit dem traditionellen Ausruf "Alles Walzer!" wird schließlich die Tanzfläche für alle freigegeben.

Wir bringen uns in Position für unseren ersten gemeinsamen Tanz. Ich bin nervös und versuche, mich an alles zu erinnern, was ich bei Herrn Petrovic gelernt habe, während Stefan uns durch die wirbelnden Tanzpaare lotst. Erst beim nächsten Walzer gestehe ich mir ein, dass wir nicht im gleichen Takt sind. Vielleicht der Leistungsdruck? Ich spreche das Problem vorsichtig an. Er zählt mir das Eins-zwei-drei ins Ohr. Schon wird es ein bisschen besser. Mit jedem Walzer tanzen wir uns zusehends zusammen. Stefan ist erfahren und umsichtig, wir kollidieren nie mit anderen. Manchmal reißt er unseren Tanzkreisel blitzschnell in eine andere Richtung, aus einer Gefahrenzone heraus. Vielleicht ist Unfällevermeiden erst mal wichtiger als ein körperliches Initiationserlebnis wie beim gestrigen one-to-one-Walzertraining.

Als das Orchester einen Paso doble spielt, rette ich mich an unseren Tisch. Es macht großen Spaß, den Paaren zuzuschauen, wie sie sich zu Eviva España und Copacabana verhalten. Manche tanzen sehr virtuos, stechen mit abgespreizten Armen in das Getümmel wie mit einem Paddel in die Wellen auf hoher See. Anderen Paaren merkt man an, dass sie nicht den perfekten Tanz hinlegen wollen, sondern einfach ihr Zusammensein genießen.

Tatsächlich fordert niemand mich auf. Im 19. Jahrhundert würde ich nun vielleicht meinen Fächer spielen lassen: Ihn geöffnet in der linken Hand zu halten wäre eine Einladung, näher zu kommen und eine Unterhaltung mit mir zu beginnen. Drehte ich den Fächer, signalisierte ich das Ende des Gesprächs. Mit langsamem Fächeln könnte ich klarmachen, verheiratet zu sein, oder mit schnellem, nur verlobt. Zeigte ich eine bestimmte Anzahl der Stäbe, gäbe ich so die Uhrzeit für eine Verabredung bekannt.

Im 19. Jahrhundert hatte eine Dame auch eine Tanzkarte, in die sich die Herren eintrugen. "Heute ist es eher umgekehrt", spottete gestern der Tanzschulleiter Thomas Schäfer-Elmayer, den ich nach der Tanzstunde traf. Er ist Österreichs Tanz-Papst (zehn Jahre Let’s Dance-Juror). Dass die Herren fremde Frauen nun nicht mehr aufforderten, sei aber trotzdem unverständlich, denn jede Frau würde sich garantiert freuen. "Die sind zu faul und zu schüchtern. Und es ist uncool."

Wie aufregend müssen die uncoolen Zeiten gewesen sein – als man der Reihe nach Männer abtanzen konnte. Ob die Ausweichmöglichkeiten in digitale Kommunikation und risikoärmeres Onlinedating uns verweichlicht haben?

Als das nächste Stück gespielt wird, der Kaiserwalzer, fordere ich Stefan auf. Es macht mir zugegeben auch ein bisschen Spaß, dass er nicht Nein sagen kann. Und das Tanzen klappt immer besser. Seine Hand in meinem Rücken sorgt dafür, dass ich nicht aus der immer schneller werdenden Drehung fliege. Bald ist mir ziemlich schwindelig. Ich warte darauf, dass sich diese andere Bewusstseinsebene öffnet, die der Strauss-Experte Helmut Reichenauer erwähnte. Aber die Mitternachtsquadrille unterbricht uns: Unter viel Lachen werden alle Tanzpaare von der Bühne aus zum Kreuz-und-quer-Laufen und Partneraustausch animiert. Es geht viel daneben, genau das ist aber erwünscht.

Später fallen Luftballons mit Torten-Gutscheinen von der Decke, dann wird wieder getanzt, und um drei Uhr morgens macht Stefan mich darauf aufmerksam, dass die Tanzfläche nun ideal sei, "nicht zu voll und nicht zu leer". Das nutzen wir, ziehen große Kreise durch den Saal, legen wirbelnd pro Sekunde zwei Meter zurück, ein großer Sog entsteht, als würde eine unsichtbare Säule in der Mitte uns zusammenhalten und gleichzeitig auseinanderdrücken. Dazu der Schwindel, der ziemlich kickt. Ich glaube, ich befinde mich kurz vorm Trancezustand der tanzenden Derwische. Ich weiß nicht einmal mehr, ob ich mit Stefan tanze oder doch allein – und ob es mich noch gibt. Vielleicht bin ich wieder eine Alleintänzerin, aber nun ermöglicht durch einen Zweiten, und was uns verbindet, ist nichts als diese grandiose Tanzerfahrung. Es scheint plötzlich, als sei tatsächlich alles Walzer.