Der Instrumentenbauer ist jedoch weniger an einer perfekten musikalischen Wiedergabe interessiert als an der apparativen Ästhetik: Wenn die Züge der Posaunen sich fast gespenstisch vor- und zurückbewegen, wirkt das Instrument, als würde es die vom Komponisten Bernhard Gander erstellte Partitur ohne jede menschliche Beteiligung realisieren. "Es soll so aussehen, als ob das Ding selbst aktiv wird," sagt Scheid. "Als ob die Musik ganz von alleine passiert – einfach so."

Das urtümlich dröhnende und kreischende Klangmonster wirkt, obwohl selbst über ein MIDI-System, also eine digitale Schnittstelle für Musikinstrumente, gesteuert, wie ein Anachronismus: ein feinmechanisches Zauberwerk, das zurückverweist auf die Epoche des barocken Maschinentheaters, in der erstmals aufwendige Theaterapparaturen zum Einsatz kamen. Der italienische Architekt Nicola Sabbatini hatte im bereits 17. Jahrhundert extrem komplizierte Maschinen konstruiert, mit denen man Effekte erzeugen konnte, die Sturm, Blitz, Donner, Höllenfeuer, fliegende Götter und Wolken simulieren, und damit den Standard für die Theatertechnik der kommenden Jahrzehnte festgelegt. Der Höhepunkt des dramatischen Illusionismus waren aber im Jahr 1758 die Bühnenüberraschungen, die der Theatermaschinist Johann Christian Keim für das Schlosstheater Ludwigsburg entwickelte und die bis heute erhalten sind.

Jene Epoche, in der eine Technik, die Weltfluchten ermöglichte und die Menschen mit vermeintlicher Magie bezauberte, noch neu und verführerisch war, sagt Jakob Scheid, habe ihn immer fasziniert. Sein besonderes Interesse veranlasste ihn immer wieder dazu, einige Maschinen aus der Frühzeit des industriellen Zeitalters zu rekonstruieren. Für die Wiederauflage eines historischen Beethoven-Konzertes in der Aula der Akademie der Wissenschaften unter dem Titel Resound Beethoven baute er zum Beispiel im vergangenen Jahr eine Replik des Trompeters von Johann Nepomuk Mälzel, der seinerzeit als Zwischennummer zum Einsatz gekommen war. "Für die Steuerung der Musik", sagt Scheid, "habe ich allerdings moderne Technik verwendet. Der Originalautomat wurde mit Stiftwalzen und Tausenden kleinen Hebeln betrieben – das war mir dann doch zu mühsam."

Einige Jahre zuvor hatte der Designer bereits zwei andere Ikonen aus der Geschichte der Automation wiederbelebt: den so genannten Schachtürken , eine Art frühen Schachcomputer, und die Sprechmaschine des Freiherrn Wolfgang von Kempelen. Diese sei ein besonders lustiges und erfreuliches Objekt: Durch Manipulationen eines Mundstückes und den Einsatz eines Blasebalges könne man vor allem Laute zwischen A und O produzieren. "Das Erstaunliche ist, dass die Sprechmaschine wie eine Kinderstimme klingt. Und die beiden Worte, die sie am besten aussprechen kann, sind Mama und Papa. Das war auch bei Kempelen schon so, und deshalb glaube ich, dass ich mit meinem Nachbau ziemlich nahe am Original bin."

Jakob Scheid, der auch einmal freier Mitarbeiter im Architekturbüro Coop Himmelb(l)au war und Bühnenbildner des Sirene Operntheaters, kann mittlerweile auf ein beachtliches Arsenal an Klangautomaten zurückblicken, die, wie es in einem Text über den Künstler heißt, "mit hohem technischen Aufwand unbrauchbare, absurde oder missglückte Produkte beziehungsweise Effekte erzeugen".

Darunter auch ein Quintett aus Geigenmaschinen, die über eine Horchfunktion verfügen und unter dem Titel Fünf Monochorde zufällig erhaschte Töne speichern und nachzuspielen versuchen – was gelegentlich zu einer Art von Zufallsklang führt, an der John Cage seine Freude gehabt hätte.

Die Arbeiten von Jakob Scheid, die sich bei ständig wachsender Komplexität – der Trompetenbaum erforderte ein halbes Jahr Vorbereitungs- und Produktionszeit – zu einem Lebensprojekt entwickeln, erinnern an die Klanginstallationen von Jean Tinguely und vielleicht auch ein wenig an die Intonarumori, die provokanten Lärminstrumente der Futuristen. Doch bei Scheid, der sich als ein Künstler bezeichnet, der "eigentlich unmusikalisch" sei und die Klangproduktion deshalb an "die Apparate ausgelagert" habe, geht es nicht um Musik an sich, sondern um die Vorstellung von einer in die Zeit eingebetteten Skulptur: "Als bildender Künstler ist man den Musikern immer ein bisschen neidig, dass die Musik eine abstrakte Kunst ist, die sich aber überhaupt nicht dafür rechtfertigen muss." Ein bildender Künstler hingegen sei immer gezwungen, zu erklären, warum er auf Gegenständliches verzichte und sich einem intuitiven Formenrausch hingebe. "Wenn eine Skulptur jedoch einen Klang macht", sagt Jakob Scheid und verleiht seiner Stimme Nachdruck, "dann ist die Nutzfrage schon beantwortet."