Am Ende einer Woche, die der SPD Aufregung, Hoffnung, Verwirrung und einen neuen Parteivorsitzenden beschert hat, steht Brigitte Zypries im Foyer des Willy-Brandt-Hauses in Berlin und will schnell noch etwas regeln. Es ist Sonntagnachmittag, vor zwei Stunden haben die Sozialdemokraten hier ihrem neuen Spitzenmann Martin Schulz zugejubelt. Jetzt leert sich der Raum. Junge Männer verschieben Stehtische und Stühle, eine Frauenband packt ihre Musikinstrumente ein. Die meisten SPD-Promis sind längst weg. Nur Brigitte Zypries nicht, die frisch gekürte Bundeswirtschaftsministerin. Sie mustert die Papphocker, die neben der Büste von Willy Brandt stehen. "Braucht die hier eigentlich noch jemand?", fragt sie einen der Männer. "Bevor die alle weggeschmissen werden, nehmen wir sie lieber mit."

Bloß weil die deutsche Sozialdemokratie nach Jahren des Stillstands plötzlich von sich selbst begeistert ist, weil so viele Genossen an diesem Tag gerührt sind, weil der neue Parteichef an August Bebel erinnert und an den Arbeiterstolz appelliert, verliert die SPD-Frau Brigitte Zypries noch lange nicht ihren Sinn fürs Praktische.

Unsentimental, pragmatisch, effizient – das sagen Beamte und Politiker aus allen Fraktionen, wenn man sie nach Brigitte Zypries fragt. Nicht die schlechtesten Eigenschaften für jemanden, dem nur der Bruchteil einer Legislaturperiode bleibt, um in seinem Amt etwas zu bewegen. Acht Monate wird die Juristin Bundeswirtschaftsministerin sein. Dann ist schon Bundestagswahl.

Es komme jetzt "eher auf Professionalität denn auf Profilierung" an, sagt ein Sprecher aus einem SPD-Ministerium. Was allerdings auch damit zusammenhängen könnte, dass Brigitte Zypries keine profilierte Wirtschaftspolitikerin ist, keine, die mit großen Plänen oder Reden aufgefallen wäre. Zypries begann ihre politische Karriere Mitte der neunziger Jahre als Referentin in der niedersächsischen Staatskanzlei unter Gerhard Schröder. Sie war Staatssekretärin unter dem früheren Innenminister Otto Schily, später wurde sie Justizministerin. Als die SPD abgewählt wurde, bewarb sie sich um ein Abgeordnetenmandat in Darmstadt, mittlerweile ist sie seit zwölf Jahren Parlamentarierin. Kaum jemand in Berlin hat so viele Jahre im Politikbetrieb verbracht wie sie.

Trotzdem kann im Berliner Regierungsviertel kaum jemand sagen, für welche Art von Wirtschaftspolitik Zypries stehen wird. Jeder traut ihr Krisenmanagement zu, aber niemand eine mitreißende Parteitagsrede. Mit berühmten Amtsvorgängern wie Ludwig Erhard oder Karl Schiller, Männern, die für große ordnungspolitische Ideen standen, verbindet sie nicht viel. Sie gehört zu jenen Politikern, die ihre Vergangenheit in der Ministerialbürokratie nie ganz abzustreifen scheinen, so wie der künftige Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, mit dem Zypries in Gießen gemeinsam Jura studierte.

Man kann Zypries selbst fragen, welche Themen ihr am Herzen liegen, aber das bringt nicht viel. Die neue Ministerin ist gegen die Wiedereinführung der Vermögensteuer und für eine Begrenzung der Gehälter von Topmanagern. Sie verteidigt das umstrittene deutsch-kanadische Freihandelsabkommen Ceta und die Quote für Frauen in Vorständen und Aufsichtsräten. Fragt man sie nach den Schutzzöllen, die der neue US-Präsident plant, ist sie vorsichtig. Bei populären Themen wie der Ungleichheit spürt man ihren Wunsch, ihrem Vorgänger Gabriel und ihrem neuen Parteivorsitzenden Schulz nicht in die Quere zu kommen.