Noch nie hat es das gegeben! Fast ein Dutzend neuer Kinofilme fügen sich zu einer anderen Art von amerikanischer Geschichtsschreibung, zur vielstimmigen schwarzen Erzählung. Quer durch die Jahrzehnte zeichnen sie ein Panorama afroamerikanischer Lebenswelten, von der Bürgerrechtsbewegung bis in die Gegenwart, vom dramatischen Einzelschicksal bis zur überfliegenden Kampfansage.

Die Zeitreise beginnt in den fünfziger Jahren mit Denzel Washingtons Theateradaption Fences. Sie handelt von den wahrhaft eingezäunten Träumen eines Müllmanns (von Washington selbst gespielt), der sich in einem rassistischen Land um seine Chancen betrogen sieht und der über seiner Wut die Verbindung zu seiner Frau und seinem Sohn verliert. Theodore Melfis Film Hidden Figures erinnert an drei afroamerikanische Mathematikerinnen, die in den sechziger Jahren bei der Nasa im Hintergrund Pionierarbeit leisteten; Moonlight von Barry Jenkins treibt die altbekannte Geschichte des Kids aus dem Ghetto über alle Klischees hinaus – und deutet ein homosexuelles Begehren an, das sich seinen Raum noch suchen muss.

Alle diese Produktionen sind – neben weiteren Arbeiten afroamerikanischer Regisseurinnen und Regisseure – für den Oscar nominiert. Und auf der jetzt beginnenden Berlinale laufen gleich mehrere Filme, die den rassistischen Puls der Vereinigten Staaten erfühlen.

Der zornigste von ihnen ist I Am Not Your Negro von dem in Haiti geborenen Filmemacher Raoul Peck, zu sehen in der Berlinale-Sektion Panorama. Der Film basiert auf dem letzten, unvollendeten Manuskript des schwarzen Schriftstellers James Baldwin: Remember This House. In dem Buch verbindet Baldwin Erinnerungen an seine drei ermordeten Bürgerrechtler-Freunde Malcolm X, Medgar Evers und Martin Luther King mit essayistischen Betrachtungen über seine eigene Lebenserfahrung als Schwarzer und Homosexueller.

Man kann I Am Not Your Negro, der auch für den Oscar des besten Dokumentarfilms nominiert ist, als einen drängenden Rap sehen, der all die aktuellen schwarzen Filme verbindet. In manchen Momenten ist er auch ein Gospel. Und dann wieder ein Revolutionslied. Fotos und Archivaufnahmen bekommen durch Baldwins Texte – kämpferisch gelesen von Samuel E. Jackson – eine neue, lebendige Zeugenschaft: Demonstranten, die vor den ersten "gemischtrassigen" Schulen Hakenkreuze hochhalten. Polizisten, die in den sechziger Jahren schwarze Wähler zusammenknüppeln. Dann der Sprung in die amerikanische Gegenwart, mitten hinein in die Proteste von Ferguson. Was genau, scheint Baldwin zu fragen, hat sich eigentlich geändert? Außer dass die Polizisten moderne Uniformen tragen und Militärfahrzeuge benutzen?

Vor fast 40 Jahren gab der 1987 verstorbene James Baldwin der ZEIT ein aufgebrachtes Interview. "Ich bin in Amerika nicht zu Hause und werde es nie sein", sagte er. "Wie können Sie mit dieser Bitterkeit schreiben?", fragt Fritz J. Raddatz, der damalige Feuilletonchef. "Es ist eine Schizophrenie, wenn ich die Hoffnung nicht aufgebe, wenigstens jungen Menschen Hoffnung geben will", sagte Baldwin. Er lebe sozusagen eine Hoffnung wider besseres Wissen: "Was in dem Land vor sich geht, ist für mich unannehmbar."

Alle "schwarzen" Filme der Berlinale lassen sich im Sinne von Baldwin als ein Kino des Unannehmbaren beschreiben. Alle erzählen ihre Geschichten mit persönlicher Unbedingtheit. Wie lässt sich diese schöpferische Wut, wie lässt sich die plötzliche Präsenz eines afroamerikanischen Kinos erklären?

"Die USA setzen sich gegenwärtig mit dem Begriff der Rasse und dem Thema Rassismus mit einer Intensität auseinander, die es seit den sechziger Jahren nicht mehr gegeben hat", sagt der Filmemacher Landon Van Soest in einem Skype-Gespräch zwischen New York und Berlin. Gemeinsam mit seinem Kollegen Jeremy S. Levine hat Van Soest den Film For Ahkeem gedreht – die Langzeitbeobachtung eines schwarzen Mädchens in einem Ghetto in Missouri (sie läuft im Forum der Berlinale). Die erste Szene zeigt die 15-jährige Daje vor Gericht. Wegen Aufsässigkeit ist sie von der Schule geflogen. Der Richter verurteilt sie zum Besuch einer speziellen Schule, auf der sie doch noch einen Abschluss machen kann.

"Die Wahl von Barack Obama war ein monumentales Ereignis", sagt Van Soest. "Auf einer symbolischen Ebene schien sich mit dem schwarzen Präsidenten alles erledigt zu haben: ›Seht her, wir haben den Rassismus abgewählt.‹ Aber dann gab es die Bilder der exzessiven Polizeigewalt, wurden schwarze Teenager erschossen, gab es den Aufstand in Ferguson. Und in der amerikanischen Filmbranche hat es plötzlich klick gemacht."

Die beiden Filmemacher entlassen ihre Protagonistin jedoch nicht aus der Verantwortung. Sie zeigen ihr Leben als eine Kette von Entscheidungen. Daje ist verträumt, aber entschlossen. Sie lernt, gibt auf, geht wieder zur Schule. Indessen fragt man sich, ob das, was die Kamera über zwei Jahre hinweg um sie herum beobachtet, überhaupt einen eigenen Weg ermöglichen kann: mit Sperrholz verrammelte Backsteinhäuser, vermüllte Straßen, in denen unablässig Polizeisirenen zu hören sind, eine vernarbte Einschusswunde in Dajes Körper. Die Namen von toten Freundinnen und Freunden, die das Mädchen in sein Notizbuch geschrieben hat. Daje wird ein Kind bekommen. Mit leiser Hoffnung blickt man auf ein neues, anderes Kapitel ihres Lebens. Gerne würde man es auf einer der nächsten Berlinalen erzählt bekommen.