Angst vor Altersarmut ist bei jungen Menschen verbreitet. Trotzdem sorgen sie nicht vor. Wir rechnen nach, was das für sie bedeutet.

Links die Yuccapalme, rechts die nackte Wand, dazwischen Merten Larisch mit Taschenrechner, Stift und Zettel. Wie Larisch da so sitzt, vertrauensvoll lächelnd und mit randloser Brille, könnte er auch ein Archivar sein. Larisch aber schaut in die Zukunft. Auf seiner Visitenkarte steht: Projektleiter Altersvorsorge, Verbraucherzentrale Bayern. Als sei die Altersvorsorge ein Projekt und keine gesellschaftliche Mammutaufgabe. Larisch arbeitet in seinem kleinen Münchner Büro gegen die Angst vor der Altersarmut an. Denn die Jungen sorgen sich. Larisch berechnet ihre Kontostände in 30, 40 Jahren. Schon bei ihren Eltern läuft es nicht mehr gut mit der gesetzlichen Rente, denken viele. Wie wird es da erst sein, wenn sie selbst einmal alt sind?

Ob tatsächlich alles immer schlimmer wird, wissen auch Experten wie Merten Larisch nicht. Zwar verschlechtert sich das Verhältnis zwischen Einkommen und Rente seit Mitte der achtziger Jahre. Wie hoch oder niedrig dieses sogenannte Rentenniveau sein wird, wenn die Generation der Millennials in den Ruhestand geht, steht allerdings noch gar nicht fest. Denn die Formel, nach der die Rente berechnet wird, ist das Ergebnis politischer Entscheidungen, die heute keiner vorhersehen kann. Bei Laien bleibt vor lauter Unwägbarkeit oft nur eines übrig: Panik! Und eine Art Schockstarre. Das Sozialforschungsinstitut TNS Infratest fand heraus, dass 86 Prozent der jungen Erwachsenen bis 27 glauben: Wer im Alter nicht arm sein will, muss privat vorsorgen. Nur: Kaum jemand tut dies auch.

Wie kann das sein?

Wenn Herr Larisch von Altersvorsorge spricht, klingt alles einfach. "Man muss sich ehrlich anschauen: Wie viel gebe ich heute aus, und wie viel kann ich sparen?" Aber schon das ist vielen Menschen zuwider. Die meisten finden gar nicht erst den Weg zur Verbraucherzentrale, die eigentlich allen offensteht. Die Formulare, die Larisch vorab verschickt, füllt kaum jemand aus. "Finanzplanung überfordert nicht nur schlecht gebildete Niedrigverdiener", sagt er. Viele Menschen sind Analphabeten, wenn es ums Geld geht. Die Ökonominnen Annamaria Lusardi und Olivia Mitchell aus den USA haben die Finanzbildung in vier Industrieländern untersucht: Deutschland, Niederlande, Schweiz und USA. Sie stellten dazu drei simple Fragen: zum Zinsertrag, zum Zusammenhang von Zinsen und Inflation, und was riskanter sei, das Investment in eine einzelne Aktie oder in einen Aktienfonds. Zwar schnitten die Deutschen bei dem Test noch am besten ab. Trotzdem scheiterte von den unter 36-Jährigen knapp die Hälfte daran, alle drei Fragen richtig zu beantworten. Ratlos sitzen sie vor ihrer ökonomischen Zukunft. Und vor Merten Larisch. Selbstständige, Geringverdiener, Gutverdiener.

Fall 1: Axel Kammerl, 36, Sternekoch, zu versteuerndes Jahreseinkommen: 50.000 Euro

Noch bevor er 30 wurde, hatte sich Axel Kammerl einen Stern erkocht. Nach seiner Ausbildung in München studierte Kammerl Culinary Arts in den USA. Er kochte an der französischen Atlantikküste, im Schweizer Engadin, in London. Isst man mit ihm Rindsrouladen in einem Münchner Traditionslokal, raunt er einem nach wenigen Minuten in schönstem Bayerisch zu, was hier gut läuft und was nicht. Man kann sich vorstellen, wenn Kammerl eine Küche betritt, wissen alle: Der ist der Chef.

Seit vier Jahren ist er weg vom Herd und berät andere Gastronomen. "Jetzt passts a mal auf, ihr Spaßvögel", sagt er dann. Denn wer in der Küche nicht rechnen könne, bleibe nicht lange Gastronom. Kammerl kann rechnen, seine Alterssicherung ist trotzdem mager. Weil er lange im Ausland gearbeitet hat, sind seine Ansprüche in der deutschen Rentenversicherung niedrig. Seitdem er selbstständig arbeitet, zahlt er gar nicht mehr ein. Einen von zwei privaten Vorsorgeverträgen legte Kammerl wieder still, er lohnte sich nicht. Kammerl weiß, er müsste fürs Alter sparen. Aber er braucht sein Geld für sein eigenes Restaurant, nächstes Jahr soll es endlich so weit sein. "Das muss dann so gut laufen, dass es auch fürs Alter reicht", sagt der Koch.

Kammerl sitzt jetzt bei Herrn Larisch, dem Zeitreisebegleiter ins Rentenalter. Seine Zeitmaschine: ein grünes Formular mit den Angaben seiner Besucher und ein Online-Zinsrechner. Herr Larisch gibt ein: "Selbstständiger, 36 Jahre alt, Lebenserwartung: 96, zu erwartende Bezüge im Rentenalter: 310 Euro über die gesetzliche Rente, 53 Euro über eine private Versicherung, angenommene Inflation: zwei Prozent, erhoffte Rendite des privat angelegten Geldes: vier Prozent."

Kammerl wünscht sich bei seinem Renteneintritt im Jahr 2046 ein Nettoeinkommen von 2.000 Euro nach heutiger Kaufkraft. Berücksichtigt man die Teuerungsrate, benötigte er im Jahr 2046 brutto rund 4.200 Euro. Macht der Koch so weiter wie bisher, fehlen ihm bei Renteneintritt jeden Monat 3.840 Euro. Um im Alter so zu leben wie heute, müsste der Sternekoch ab jetzt monatlich 1.990 Euro sparen. Fast zwei Drittel dessen, was er verdient. "Hart", sagt Kammerl. Doch sein Wunsch, sein eigener Chef zu sein, ist typisch für diese Generation. Immerhin, Larisch hat einen Rat. Auch eine späte Vorsorge sei noch drin: "Wer seine Firma pflegt und mit Mitte fünfzig 13.000 Euro verdient, der kann es sich dann leisten, jeden Monat 8.000 Euro in seine Altersvorsorge zu stecken."

Fall 2: Liliana Parente, 32, Sozialarbeiterin, zwei Kinder, Bruttojahresgehalt: 26.000 Euro

Liliana Parente ist zierlich, aber ihre tiefe Stimme füllt Larischs Bürozimmer aus. Parente betreut in München-Feldmoching Familien, die nicht klarkommen. 25 Wochenstunden im öffentlichen Dienst. Sie ist alleinerziehend, die Scheidung läuft. Finanziell kommt sie gerade so über die Runden, trotz Kindergeld und Unterhalt. Ginge die Waschmaschine kaputt, müsste die junge Mutter sich verschulden. Ihre Altersvorsorge prüfen? Fühle sich an wie Hightech-Vorsorge in der Schwangerschaft, sagt Parente. "Will ich das Ergebnis wirklich wissen?" Sie lebe lieber in Unwissenheit und kümmere sich dann, wenn die Situation anstehe. So sagt Parente es vor ihrem Besuch bei Herrn Larisch.

Ein großer Unterschied zwischen den Geschlechtern

Der notiert jetzt ihre Daten und rechnet. 570 Euro müsste die Sozialarbeiterin monatlich anlegen, um im Alter so leben zu können wie jetzt. Geht nicht, das sieht auch Herr Larisch so. Dabei ist Parente keine Niedrigverdienerin. Würde sie Vollzeit arbeiten, läge ihr Gehalt über dem deutschen Durchschnittseinkommen von gut 3.000 Euro brutto. Aber München ist teuer, "und wenn dann noch so eine Störung auftritt", sagt Larisch und meint Parentes Scheidung, "bleibt die Alterssicherung bei dem, der wegen der Kinder weniger arbeitet, ganz auf der Strecke". Larisch rät, wenigstens ein paar Tausend Euro Rücklagen zu bilden. Parente lacht. Dann kommt die Panik. "Krass, es kann gut passieren, dass ich im Alter selbst die Sozialleistungen beziehe, über die ich heute mit meinen Klienten spreche." Aber vielleicht wird trotzdem alles gut. "Ich habe meine Kinder, fünf Geschwister. Werte sind wichtiger als Geld", sagt sie. Es klingt wie ein Mantra.

Verdrängen die Jungen, statt zu handeln? "Nein", sagt der Soziologe Carsten Wippermann, "oft können sie ja nichts anderes tun, besonders die Frauen." Wenn der Professor der Katholischen Stiftungsfachhochschule München Menschen für seine Studien befragt, fordern die Jungen durchaus, die Gesellschaft müsse Lösungen finden, nicht nur jeder Einzelne. "Aber sie haben wenig Hoffnung, dass sich das erfüllt", sagt der Soziologe. Es bleibt ein diffuses Hoffen: "Sie vertrauen auf ihre gute Ausbildung, die eigenen Kompetenzen und auf ihre Flexibilität."

Dabei gibt es einen gewaltigen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Bei den Frauen, fand Wippermann heraus, verhält es sich so: Unter dreißig ist ihnen sehr gegenwärtig, dass Arbeiten wichtig für die Rente ist. Danach aber, wenn die meisten Paare kleine Kinder haben, geht dieses Bewusstsein bei den Frauen deutlich zurück. Anders bei den Männern: Ab dreißig steigt das Problembewusstsein an und bleibt dann auf hohem Niveau stabil.

Tatsächlich hat das meist wenig mit der persönlichen Einstellung zur Geschlechtergerechtigkeit zu tun. Auch nicht damit, dass Männer von sich aus vorausschauender handelten als Frauen. Es sind bestimmte Anreize bei Einkommensversteuerung und Sozialversicherung, die eine traditionelle Rollenverteilung forcieren. Wählt ein Ehepaar die Lohnsteuerklassen drei und fünf, werden dem Besserverdiener die Steuerfreibeträge zugeschlagen. Sein Einkommen wird dadurch stärker geschont als das des Geringverdieners. In den meisten Familien ist der Besserverdiener der Mann. So kommt es, dass Männer ihren Beitrag zum Haushaltseinkommen überschätzen, die Frauen den ihren unterschätzen. Und dieser Eindruck beeinflusst ein junges Paar, wenn es entscheidet, wie es sich die Familienarbeit teilt. Die Frau verdient dann nicht nur weniger, sondern erwirbt gleich doppelt weniger eigene Rentenansprüche: während der Zeit, in der sie wegen der Familie weniger arbeitet, und auch danach, weil ihre Karriere sich schlechter entwickelt hat.

Fall 3: Katrin Körner, 28, Marketing-Angestellte, Bruttojahresgehalt: 75.000 Euro

Katrin Körner ist Angestellte eines Pharmaunternehmens und verdient überdurchschnittlich. Sie kennt sich aus, sagt sie. Planen und sparen, das mochte sie schon als kleines Mädchen gern. Weil sie früh anfing zu arbeiten und gut verdient, sind ihre Ansprüche in der Rentenversicherung deutlich höher als beim Sternekoch und bei der Sozialarbeiterin, rund 2.450 Euro. Alles entspannt also, sollte man meinen. Doch füttert man Larischs Zeitreiserechner, zeigt sich: Auch Katrin Körner hat eine Rentenlücke. Rund 730 Euro müsste sie pro Monat sparen, um sich im Alter nicht einschränken zu müssen. Es ist, freut sich Katrin Körner, der Betrag, den sie sich vorgenommen hat.

Wie hübsch wäre es, wenn man mit Larischs Zeitreisemethode nicht nur Zahlen berechnen, sondern wirklich in die Zukunft sehen könnte. Wie werden Axel Kammerl, Liliana Parente und Katrin Körner leben, wenn sie 85 sind?

Damit beschäftigt sich Frieder Lang, Professor für Psychogerontologie an der Universität Erlangen- Nürnberg. Lang erforscht, wie Menschen sich aufs Alter vorbereiten. "Viele", sagt Lang, "stellen sich vor, dass es nach dem Ende der Berufszeit so etwas wie den längsten Urlaub des Lebens gibt." Je näher dieser Zeitpunkt rücke, desto klarer werde ihnen aber: "Die wichtige Frage ist nicht, ob man noch nach Honolulu reist, sondern wie man das tägliche Leben meistert." Untersuchungen zeigten immer wieder, dass es dabei vor allem auf gute Beziehungen ankomme, in der Familie, in der Nachbarschaft, zu Freunden.

Vielleicht ahnt die junge Generation genau das – und investiert eher ins Leben als in die Altersvorsorge.

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