Die Goldkette

Neulich beim Boxtraining. Mein Trainingspartner, ein Personenschützer, und ich schlagen uns eine Stunde lang gegenseitig die Fäuste in Pratzen und Bauchdecke, dann geht’s zum Duschen. Sein Job habe ihn über die Jahre paranoid gemacht, erzählt er. Deshalb schläft er mit seiner Pistole unterm Kopfkissen. Als er sein T-Shirt auszieht, fällt mir seine Halskette auf.

"Was ist das für eine Kette?", frage ich ihn.

"Die Reinigungskette für den Lauf meiner Baretta 92."

"Welches Kaliber hat die Kugel an der Kette."

"9 Millimeter."

"Und warum trägst du die?"

Er schweigt. Während ich mein Shirt abstreife, fällt sein Blick auf meine Goldkette.

"Was ist das für eine Mädchenkette?", fragt er. Natürlich belächelt er meinen Schmuck. Männer können sich mit den beklopptesten Dingen behängen, einem Italiener aber wird sein Behängnis immer zum Verhängnis.

"Pass auf, ich erzähle dir meine Geschichte, dann erzählst du mir deine", antworte ich und gehe in Vorleistung.

Mein Vater, ein Tischler, ist mit einem Schwung an Arbeitskräften Ende der fünfziger Jahre nach Hamburg gekommen. Bevor es auf die Reise ging, wurde er mit anderen süditalienischen Arbeitern in einem Sammellager in Neapel zusammengebracht. Dort musste er sich ausziehen, sein Körper wurde vermessen, sein Analkanal mit dem Finger abgetastet, dann musste er ein paar durchgeknallte Fragen über sich ergehen lassen, unter anderem, ob er Bettnässer sei. Mit einem Filzstift wurde meinem Vater dann eine Nummer auf den rechten Oberarm geschrieben, und die Reise an den Rand des Polarkreises begann.

Unter seinen Angehörigen galt Hamburg damals als eine verrohte Stadt, in der es in sieben von zwölf Monaten schneit und die Dirnen selbst bei Eiseskälte halb nackt auf den Straßen eines Viertels stehen, das ausgerechnet nach einem Heiligen benannt wurde. Bei Blohm + Voss gelandet, ließ mein Vater sich dann jahrelang seine Lunge vom schwebenden Asbeststaub durchlöchern. Wenige Wochen vor seinem Tod hängte er sich als letzte Hoffnung eine Goldkette mit einem Kruzifix um den Hals, die er mir für den Fall versprach, dass sein Leben leer gelebt sei.

Heute trage ich seine Kette. Die Kette ist für mich wie sein letztes Organ, das die Migration überlebt hat. Jedes einzelne ihrer Glieder hat ein S-Profil. S wie Salvatore, deutsch "der Retter", der Name meines Vaters.