Lieber Andi Stitzl,

drei Monate lang hatte ich die Tickets für den Biathlon-Weltcup in Oberhof behütet wie einst als Jugendliche mein Tagebuch, am Ende die Stunden hinuntergezählt. Ich hatte mir einen Schneeanzug geliehen, und Mutter hatte mir Thermounterwäsche geschenkt, damit ich ihn genießen kann, ohne zu frieren: diesen Sport, den ich schon mein Leben lang liebe und um dessen Rennen herum ich im Winter meinen Alltag arrangiere. Und auch wenn es niemand so ganz verstand, wusste doch jeder, der mich kennt, dass es was ganz Großes für mich wäre, endlich mal dabei sein zu können.

Aber dann kam das Blitzeis, und ich saß am Sonntag doch wieder nur vorm Fernseher. Und als dann auch noch Simon und Eric das Undenkbare schafften, nämlich jenen im Zielsprint zu schlagen, der unschlagbar zu sein scheint, den großen Fourcade, da kamen mir die Tränen – auch vor Stolz, aber vor allem vor Enttäuschung, weil ich hätte dabei sein können.

Es ging mir allerdings nicht nur um Simon, Laura, Benni, Eric und wie die Biathleten alle heißen. Mir ging es vor allem um Dich. Es war Dein Name, der auf meinem Rücken stehen sollte, verziert mit einem kleinen Herzen. Warum denn um mich, fragst Du Dich jetzt vielleicht. Ich bin doch nur der Co-Trainer, der Antreiber, der, der an der Strecke steht und den Sportlern ihre Zeiten weitergibt, der, der sie anspornt. Aber Andi, nein, für mich bist Du viel mehr.

Weißt Du, Biathlon ist eine einsame Liebe. Meine Freunde verdrehen die Augen, belächeln mich. An guten Tagen schaut die Katze mit mir. Dann sehe ich Dich im Fernseher am Rand der Strecke. Und Du gibst eben nicht nur Zeiten durch und spornst an – Du explodierst. Wie Du die Sportler umtänzelst, wie Du sie die Berge hochschreist, aus voller Kehle, wie Du beim Jubeln Bocksprünge machst, die Luft verprügelst und vor Verzweiflung auf die Knie sackst und den Kopf im Schnee vergräbst!

Du hast diesen ungetrübten Enthusiasmus eines kleinen Kindes. Die anderen Co-Trainer wenden sich deshalb nur steif von Dir ab und verziehen das Gesicht zu einem Grinsen. Aber mir, lieber Andi, gibst Du genau damit das Gefühl, dass es schon okay ist, wenn ich alleine auf dem Sofa rumhüpfe und den Fernseher anbrülle. Auch wenn vor Wut mal ein Glas kaputtgeht. Sollen die Nachbarn doch gucken und die Freunde mich belächeln. Ist mir egal. Ich hab ja Dich.

In großer Liebe

Deine Lena