In einem Wald in Nordvietnam, zwischen Kalksteinfelsen und Reisfeldern, führt ein Mann einen Kampf, den er nicht verlieren darf und nicht gewinnen kann. Er hat es sich so ausgesucht und sich ein Haus in den Wald gebaut, in dem er das Lärmen seiner Nachbarn hören kann: 180 Affen, die zu den seltensten Primaten der Welt gehören. Sie hat er gerettet. Er, der kurz nach der Wende Sachsen verließ, um sich am anderen Ende der Welt um "seine Viecher" zu kümmern. Viecher, so sagt Tilo Nadler das wirklich.

Seit 65 Millionen Jahren sind nicht mehr auf einen Schlag so viele Arten vom Antlitz der Erde verschwunden wie in der Gegenwart. "The sixth extinction", die sechste Aussterbewelle, nennen Ökologen das, was der Mensch aus der biologischen Vielfalt macht – den Planeten Richtung Einfalt jagt, rodet und vergiftet. Die Klage über dieses rasante Artensterben ist gerechtfertigt und bekannt. Was aber kann man dagegen tun, konkret? Wie stemmt man sich als Mensch gegen diesen Menschheitsfrevel? Auf diese Fragen hörte ich aus der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt: "Versuchen Sie es bei Nadler. Er lebt seit den Achtzigern in Vietnam und hat dort ein Rettungszentrum für bedrohte Primaten aufgebaut."

Um diesen Tilo Nadler zu finden, fliege ich in die vietnamesische Hauptstadt Hanoi und fahre von dort aus noch drei Stunden im Taxi über Landstraßen, wo Nebelscheinwerfer, Blinker und Hupe die Verkehrsregeln ersetzen. Dann setzt mich der Fahrer an einem grünen Schild ab, auf dem "Cuc Phuong National Park" steht.

Ich bin angekommen.

"Nationalpark. Das ist überhaupt der größte Witz", sagt Tilo Nadler zur Begrüßung. Er sitzt in seinem Büro, in dessen Lüftungsschacht eine Maus ihr Nest gebaut hat, und er trägt seine Arbeitskluft: ein ausgewaschenes Tropenhemd, eine Funktionshose und Crocs. "Ein Nationalpark in Vietnam hat vor allem der Unterhaltung zu dienen und soll Geld einspielen", sagt Nadler, seine Stimme bekommt dabei einen harten Klang. Es gibt Parks, in denen Pools gebaut wurden, Tennisplätze und ganze Ferienanlagen. Auch in Cuc Phuong stehen, nur einen Kilometer von Nadlers Haus entfernt, Bungalows an einem künstlichen See. In der vergangenen Nacht schallten von dort Bässe herüber, jemand hatte gefeiert. Ab und zu, erzählt Nadler, hört man in der Dämmerung auch Schüsse aus dem Wald. Regelmäßig sammeln Ranger Schlingfallen ein, die von Wilderern ausgelegt wurden. Zwar darf offiziell niemand hier jagen. Aber Verbote, die nicht durchgesetzt werden, sind nichts wert, das ist in Vietnam nicht anders als in Deutschland.

Nadler hasste seinen alten Job. Er floh, sooft es ging

Immerhin, sagt Nadler, seien inzwischen weniger Wilderer unterwegs – allerdings nur deshalb, weil es kaum noch Tiere in diesem Wald gebe, die man jagen könnte. Der Nationalpark, den Nadler bewacht, ist nicht viel mehr als eine leere Hülle, ein Mittel ohne Zweck. Wie soll in so einem Umfeld Naturschutz funktionieren? Nadler hebt seine weißen Augenbrauen, verzieht den Mund zu einer Grimasse, in der er ein Lächeln versteckt, und schaut sein Gegenüber lange an. Ja, wie? Irgendwie halt.

Trotzdem hat er sich Cuc Phuong als den Ort ausgesucht, an dem er sich gegen den übermächtigen Trend der ökologischen Verarmung stemmt. Überall auf der Welt bedroht der Mensch Tier- und Pflanzenarten in ihrer Existenz. Indirekt etwa durch Tourismus oder Verstädterung, was Landschaften verändert, oder direkt wie durch das Abholzen ganzer Wälder und exzessive Fischerei. Nadler kämpft vor allem gegen zweierlei: erstens die Jagd auf die Tiere, die als Delikatesse oder niedliche Haustiere hohe Preise erzielen; zweitens die Zerstörung von Lebensräumen, getrieben vom wirtschaftlichen Aufstieg Vietnams und vom Bevölkerungswachstum. Das sind große, schwer fassbare Gegner.

Im Nationalpark Cuc Phuong hat Nadler gemeinsam mit seiner vietnamesischen Frau Hien das Endangered Primate Rescue Center aufgebaut, das Rettungszentrum für bedrohte Primaten. Der studierte Klimatechniker war vorher an einem renommierten Dresdner Institut angestellt, stattete Tagungsräume mit Klimaanlagen aus – und hasste es. "Ich wollte immer was mit Viechern machen, aber in der DDR durfte ich nicht", erzählt er. Also floh er – mit Erlaubnis der Oberen – so oft wie möglich. Zwei Jahre verbrachte Nadler in der Antarktis, um Robben und Vögel zu beobachten. Vor 30 Jahren reiste Nadler zum ersten Mal nach Vietnam, um eine Dokumentation über eine Affenart zu drehen, die als ausgestorben galt. "Ich drehte diesen Film über die Wiederentdeckung von Delacour-Languren im Park, das war schon was Aufregendes. Und dann bin ich wiedergekommen und geblieben."