Mami, ich will auch 'Harry Potter' lesen." – "Natürlich, Tommy, aber das ist für dich noch zu früh." – "Die anderen in meiner Klasse lesen aber auch 'Harry Potter'." – "Das kann nicht sein, Tommy. Ihr müsst doch erst lesen lernen." – "Die anderen können schon lesen." – "Das glaube ich nicht, du bist doch gerade erst in die Schule gekommen."

Sarah Clark* erinnert sich noch gut an den Dialog. Und daran, dass sie ein paar Tage später ihren Sohn nicht wie üblich am Eingang der Grundschule verabschiedete, sondern ihn auf den Schulhof begleitete. Tatsächlich: Dort saßen Erstklässler über die Geschichten des Zauberlehrlings gebeugt. Da wusste die Mutter, die nächsten Jahre würden hart werden für ihren Sohn – und für sie selbst.

Dass Eltern ihre Kinder auf die Einschulung vorbereiten, kannte Sarah Clark aus Kanada. Schließlich hatte sie dort, bevor sie mit ihrem Mann nach Singapur gezogen war, selbst mehrere Jahre als Grundschullehrerin unterrichtet. Trotzdem war es für sie schlicht undenkbar, alle Erstklässler könnten schon vor dem ersten Schultag lesen und schreiben gelernt haben.

Zwei Jahre brauchte ihr Sohn, bis er den Lernrückstand zu seiner Klasse aufgeholt hatte. Anfangs bekam der Junge in allen Fächern Förderunterricht. "Selbst Mathe war eine Katastrophe", erinnert sich die Mutter. Denn schon nach kurzer Zeit mussten die Kinder Textaufgaben lösen, die ihr Sohn nicht lesen konnte. Die Klassenlehrerin habe angedeutet, ihr Sohn leide vielleicht an einer Lernbehinderung. Heute ist Tommy einer der besseren Schüler seiner Klasse – dank Nachhilfe und unzähliger Stunden mit der Mutter am Küchentisch.

Eltern in Singapur fühlen sich für den Schulerfolg ihrer Kinder verantwortlich. Gute Noten sind für sie der Beweis gelungener Erziehung. Tagtäglich überwachen sie die Hausaufgaben und büffeln mit ihren Kindern für die Prüfungen. Sie gehen zu Workshops, in denen die Lehrer der Schule den Lernstoff erklären, und kaufen Schulbücher, um Extralektionen ("Elternhausaufgaben") zu entwerfen. In singapurischen Buchhandlungen nimmt keine andere Abteilung so viel Platz ein wie jene für Paukfibeln und Lernhilfen mit Namen wie Science Booster und Baby Learner.

In der konfuzianischen Kultur, die neben China, Vietnam oder Korea auch Singapur prägt, gilt Bildung schon weit länger als im Westen als wichtigstes Mittel zum sozialen Aufstieg. Wer im chinesischen Kaiserreich ein hoher Beamter werden wollte, musste viele Prüfungen bestehen. Allein die chinesische Schriftsprache zu lernen, dauert viele Jahre.