"Wenn ich nicht dazu tanzen kann, ist es nicht meine Revolution" ist ein Spruch, der immer wieder auf die kalten, gleichgültigen Mauern westlicher Großstädte gesprüht wird. Obwohl der großen Anarchistin Emma Goldman nur fälschlicherweise zugeschrieben, verkörpert er doch ihren Esprit. "Ich will Freiheit, das Recht auf Selbstentfaltung, das Recht aller auf wunderschöne, strahlende Dinge", hatte sie einst gesagt. Und hier ist es, ein wunderschönes, strahlendes Ding, zu dem man tanzen kann, während eine Revolution wütet: Future Politics, das neue Album der kanadischen Synthiepop-Band Austra.

Future Politics hebt mit einem Dreisatz des politischen Erweckens an: zuerst das Erwachen, dann die Lösung und schließlich das Ziel. Zögerlich, fast flüsternd beginnt das Album mit We Were Alive. Es erwacht mit einer vagen Ahnung, dass etwas anderes möglich ist. Dann bricht es in die wütend kalten Beats des titelgebenden Songs Future Politics aus, der mit kühler Präzision die einzig mögliche Lösung fordert, im Text wie im Sound und in der Struktur. Stampfend schraubt sich der Song empor, zu einer Drohung, "There is only one way: future politics", um sich dann in einem hohen Falsett der Sopranistin Katie Stelmanis zu brechen. Anschließend wabert Utopia aus den Lautsprechern, ein Lied wie eine glatte, glänzende, futuristische Maschine, aus Synthiepop gewebt, zur Herstellung einer besseren Zukunft, einer Welt ohne Arbeit und ohne Knappheit.

Das Album schlägt einen sanften elektrischen Bogen von der Sorge um sich selbst über Depression und Trennung bis zu dem Dreampop-artigen Umweltsong Gaia und dem geisterhaften, elektronischen Instrumental Deep Thought – benannt nach dem Supercomputer, der in Per Anhalter durch die Galaxis die Frage nach dem Leben, dem Universum und allem beantworten sollte. Die Frage ist hier, ob elektronische Musik dieselben Gefühle ausdrücken kann wie akustische. Sie kann.

Future Politics ist ein helleres, klareres Album geworden als die zwei vorangegangenen. Austras Debüt Feel It Break von 2011 war ein dunkles, bombastisches Werk. Kritiker rechneten die Band damals dem gotisch versponnenen Elektro-Genre Witch House zu. Wogegen sich Austra mit ihrem zweiten Album Olympia wehrten, auf dem sie einen wärmeren Sound ausprobierten.

Während sich die ersten zwei Alben inhaltlich noch an queeren Themen abarbeiteten, hat Bandleaderin Katie Stelmanis nun das Akzelerationistische Manifest von Armen Avanessian gelesen, um sich inspirieren zu lassen, genauso wie Die Zukunft erfinden: Postkapitalismus und eine Welt ohne Arbeit, das aktuelle Buch der britischen Autoren Nick Srnicek und Alex Williams.

Endlich landet die ganze Theorie, mit der wir uns so mühsam und hoffnungsvoll plagen, endlich landen diese trockenen, wunderschönen Zeilen im Pop, endlich können wir zu Akzelerationismus tanzen, endlich wummert uns Transhumanismus in den Ohren. Warum sollte man sich abwenden von der Welt, die in Flammen aufgeht, warum sollte man sich verschließen, zaghaft und erstarrt zu Hause sitzen, lethargisch und moribund, wenn wir doch leben könnten, wie es in We Were Alive heißt? Es sollte doch alles in Flammen aufgehen, alles so schnell werden, dass es an sich selbst zerbricht.

Man darf nur nicht vergessen: Wenn bloß getanzt wird, ist das auch keine Revolution.