Es ist Sonntagabend. Anne Will redet mit ihren Gästen über die "Trumpokratie". Pflichttermin für engagierte Bürger. Zur Einstimmung erklärt ein Video, was Donald Trump anrichtet. Darunter auch, dass er die Bankenregulierung "lockert" und dass er die Justizministerin entlässt, weil sie "Kritik äußert" an seinem Einreiseverbot für Menschen aus sieben muslimischen Ländern.

Stimmt das wirklich? Antwort: nicht ganz. Trump hat seinen künftigen Finanzminister angewiesen, die Regulierungsgesetze zu prüfen und Veränderungen vorzuschlagen. Diese müssen dann in den Kongress. Zwar hat der Neue im Weißen Haus klargemacht, dass am Ende ein Teil der nach dem Lehman-Crash erlassenen Regeln ersetzt oder gestrichen werden soll, aber bisher ist das eine Absicht und kein Faktum.

Die Interims-Justizministerin Sally Yates wurde auch nicht gefeuert, nachdem sie bloß Kritik übte. Vielmehr wies sie die Experten ihres Hauses an, keine Argumente zur Verteidigung von Trumps Einreiseverbot auszuarbeiten. Für viele war das ein mutiger Akt des vorauseilenden Ungehorsams. Jedenfalls hat sie gehandelt und nicht nur geredet. Anders als in dem Video dargestellt.

Die ARD hält zu Recht viel auf ihre journalistische Arbeit. Doch wie alle Qualitätsmedien, die ZEIT eingeschlossen, muss sie aufpassen, dass sie nicht in eine Falle rennt. Weil Nationalisten die Demokratie demolieren, sind die Verteidiger der liberalen Gesellschaft empörungsbereit. Es ist verführerisch, die Tatsachen dabei ein wenig zu schleifen, um den Rhythmus des gerechten Zornes aufrechtzuerhalten.

So wie Donald Trump den rasenden Takt seiner Erlasse nicht durchhalten kann, lässt sich auch die Empörung nicht täglich steigern. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Selten war es wichtiger – und wahrhaft empörender! – als heute, die tatsächlichen Sachverhalte für sich sprechen zu lassen. Liberale Medien müssen die Lautstärke nicht künstlich erhöhen, die nackte Wirklichkeit darzustellen reicht völlig aus. Trotzdem wird zu gerne noch einer draufgesetzt, zum Beispiel dadurch, dass den neuen Nationalisten bestimmte Intentionen unterstellt werden.

Ja, über Trump darf man sagen, dass er die amerikanischen Banken von Regeln befreien will – weil er das gesagt hat. Aber will er wirklich die Amerikaner "zu einem Glaubenskrieg anstacheln" und "die amerikanische Demokratie zerstören", wie Medien behaupten? Das sieht er selbst wahrscheinlich etwas anders. Auch Wladimir Putin werden Absichten unterstellt. Putin will die Ukraine destabilisieren. Putin will Merkel stürzen. Putin will Weißrussland annektieren. Alle scheinen zu wissen, was der russische Präsident will, vielleicht besser als er selbst. Solche Formulierungen sollten Medien prüfen und sich nicht dahinter verstecken, dass andere sie benutzt haben.

Autokraten müssen natürlich kritisiert werden, aber bitte glaubhaft und auch nicht nur dadurch, dass sie zur Dämonisierung einzig beim Nachnamen genannt werden. Das hat weniger mit Fairness gegenüber Trump, Putin, Erdoğan und all den anderen Machthabern ohne Vornamen zu tun. Es geht nicht einmal darum, dass die klassischen Medien den neuen Rechten sonst noch Munition gegen sich selbst liefern. Vor allem müssen sie das Vertrauen ihrer Nutzer rechtfertigen.