Vor noch nicht allzu langer Zeit war die beste Garantie für glückliches Reisen ein verlässliches Leselicht. Selbst Mord im Orient-Express wäre uns ohne die Sinfonie der Lampenschirme, Kerzen und Kristall-Lüster nie so absurd gemütlich vorgekommen. Und solange das Leselicht stimmt, geht es auch ohne das Rattern der Räder. Man denke nur an diesen ersten Satz: "Du schickst dich an, den neuen Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino zu lesen. Entspanne dich. Sammle dich. Schieb jeden anderen Gedanken beiseite." Das Fauchen der Lokomotive, Kolbendampf und am Fenster vorbeihuschende Nebelschwaden serviert uns der Autor bequem daheim. Schon Baudelaire hielt es für sinnlosen Aktivismus, sich zur Erkundung der weiten Welt den Verkehrsmitteln anzuvertrauen. "Ah, wie groß ist die Welt im Schein der Lampe", schwärmt er im Gedicht Die Reise von über Landkarten gebeugten Kindheitstagen, "und wie klein im Licht der Erinnerung."

Den unbelehrbar in die Welt Ausschwärmenden fiele selbst die Lektüre eines so kurzen Gedichts wie Mörikes Auf eine Lampe schwer, solange sie sich im Energiesparlicht der neuen ICE von ihrem Sofa wegbewegen. Der funzelige graue Schimmer dient gerade noch zur Orientierung, und er stört die iPhones nicht, die von innen strahlen. Für Romane, die man nicht auf dem Tablet liest, ist er indiskutabel. Lichttechnisch haben auch die Berliner Busse längst auf Surfer umgesattelt. Die meisten ihrer schummrig-kalten Oberlichter warten ohnehin notorisch auf Reparatur. Wenn an den Haltestellen das helle Licht in der Fahrerkanzel anspringt, könnte man auf den vorderen Sitzen zur Not noch ein Haiku konsumieren. In Berlins U-Bahn-Wagen ist die Trübe-Tassen-Beleuchtung Folklore. Seit Kazim Akbogas Werbeclip für die BVB, in dem er als Türkenrapper mit Beamtenmütze und -weste in seligem Gleichmut den krausen Berliner Untergrund patrouilliert, möchte man sowieso lieber nur noch hypnotisiert in den Mulitkulti-Nebel linsen: "Keine Ticket, is nicht egal, ist egal. Mann macht Umzug, ist mir egal, Oma mit Grufties, ist mir egal, egal, ist mir egal ...".

Dabei ist Berlins Wahrzeichen Nummer eins eine gigantische Leselampe. Es ist praktisch unmöglich, in einer Hauptstadtwohnung aus dem Fenster zu schauen, ohne den Fernsehturm am Horizont glitzern zu sehen. In der Nacht wird er zur Zitadelle der Wachsamkeit, seine Kuppel zum futuristischen Gottesauge. Ihre Ästhetik geht auf den Sputnik zurück, er scheint eben auf dem Schaft gelandet zu sein, randvoll mit Weltraumlektüre. Dass die Lampe selbst zur Leserin wird, ist eine Idee des Berliner Akademiegründers Leibniz. Er dachte sich die Welt randvoll mit Monaden, Spiegelseelen, deren jede einzigartig ist, weil sie die Welt von ihrem ganz eigenen Raumpunkt aus reflektiert.

In Berlin packt den Buchliebhaber schnell der Neid. Andere kulturelle Biotope sind besser bedient. Hand- und Fußballer werden aus starken Wattbirnen bestrahlt. Sogar die Dealer im Görlitzer Park hat die Polizei schon mit Flutlicht beglückt. Doch am großzügigsten gehen Galerien mit der Beleuchtung um. Die Berliner CFA verschickte jüngst ein Video des Fotografen Juergen Teller, in dem er, als Kunstmuffel verkleidet, durch seine aktuelle Erlanger Ausstellung führt. Eine Kaufland-Plastiktüte schwenkend, beschwert sich der gallige Anti-Akboga darüber, dass dem Bayern-München-Spieler Thomas Müller ein Zahn fehlt, so klinisch ist das Licht. Doch nichts regt Teller mehr auf als ein gleißend weißer Raum, in dem überhaupt nichts hängt. Im Klub der kurzsichtigen Leser geht die Fanpost an ihn.

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