Angela Rinn ist habilitierte evangelische Theologin, Mitglied der EKD-Synode und Pfarrerin in Mainz-Gonsenheim. Unter dem Namen Vera Bleibtreu schreibt sie Krimis. © Harald Oppitz/KNA

Das neue Jahr ist schon über einen Monat angeknabbert, und so möchte ich heute das Lob eines Kochs singen – genauer eines italienischen Kochs, der mich nachhaltig beeindruckt hat, und das kam so: Theaterfreunde, wie ich einer bin, kennen das Problem, nach dem letzten Vorhang noch etwas zu essen zu bekommen. Bei der letzten Vorstellung hatte ich vorgesorgt und mich bei einem italienischen Restaurant erkundigt, ob zwei kultur- und auch sonst hungrige Menschen nach 22 Uhr in diesem Lokal noch etwas speisen könnten. Das ginge klar, wurde mir beschieden. Und in der Tat: Es ging klar, und mehr als das, es war ausgesprochen lecker. So kam mit dem Essen noch mehr Appetit auf. Inzwischen war es nur noch eine Stunde bis Mitternacht, aber der Koch sagte zu, dass wir noch etwas bekommen könnten. Wir bedankten uns höflich, und er antwortete mit einem vornehmen Ernst, der nachgerade königlich wirkte: "Ein italienischer Koch macht nie die Küche zu, wenn ein Gast noch Hunger hat", und nach einer kleinen Pause: "Jedenfalls wenn es ein echter italienischer Koch ist!" Wir waren beeindruckt. Das hatte Stil! Und pastorale Parallelen! Auch der Beruf einer Pfarrerin ist kein "Nine-to-five-Job".

In meinem Beruf mache ich mich auch noch spätabends auf den Weg, wenn ein Mensch gestorben ist und ausgesegnet werden soll und die Angehörigen getröstet werden möchten. Als Pfarrerin gehört für mich der Dienst am Sonntag zum Alltag – das kennen Köche auch. Doch mehr als diese Entsprechungen imponierte mir die Haltung dieses Kochs. Sie hatte eine Würde, die seinen Dienst adelte. Er spielte seine Mühen nicht herunter, er sagte nicht: "Ach, macht nichts, dass ich Ihnen spätnachts noch eine Vorspeisenplatte richte." Er verwies, ganz schlicht, darauf, dass es einfach zu seinem beruflichen Ethos dazugehört, Menschen satt zu machen, egal um welche Uhrzeit, egal, wie unbequem das gerade für ihn sein mag. Gerade dadurch war das späte Essen wie ein Geschenk, das er uns huldvoll überreichte. Und wir haben die Gabe gern angenommen.

Martin Luther hat darauf hingewiesen, dass der Dienst eines Knechts oder einer Magd genauso wertvoll ist wie der Dienst eines Mönchs oder einer Nonne und dass der Dienst an den Menschen zugleich Gottesdienst ist. Die Leidenschaft für das, was die eigene Berufung ist, adelt den Menschen – nicht der Stand. Dieser italienische Koch war für mich dafür das beste Beispiel. Am Ende des Abends war ich von ihm genauso beeindruckt wie vom Theaterstück, das wir gesehen hatten, immerhin eine Vorstellung des Wiener Burgtheaters. Und auch das hat zum Thema gepasst, denn diese Schauspieler waren Menschen, die ihren Beruf leidenschaftlich leben.

Im Grunde, das ist mir an diesem Abend klar geworden, ist es ein Geschenk, wenn man einen Beruf gefunden hat, der für einen persönlich Berufung ist und den man gern ausübt. Hoffentlich erinnere ich mich im weiteren Verlauf dieses gerade angeknabberten Jahres daran, besonders an den Tagen, an denen mir die Schattenseiten meiner Tätigkeit begegnen.