Die Ausschreitungen von Dortmund am Samstag sind die Umkehrung des Ost-West-Klischees. Plötzlich kommen die Friedlichen aus dem Osten und die Wütenden aus dem Westen. Plötzlich werden Anhänger eines ostdeutschen Vereins von westdeutschen Fans attackiert, weil sie zu erfolgreich im Kapitalismus sind.

Der Fußball erlebt eine Revolution aus dem Osten. Darum – und nicht nur aufgrund ihrer Brutalität – gehen die hässlichen Ereignisse von Dortmund über den Sport weit hinaus. Rücksichtslos attackierten Hunderte BVB-Anhänger alle Menschen, die irgendwie als Fans der Leipziger ausgemacht werden konnten. Immer unter der Parole: "Ihr macht unseren Sport kaputt!" – weil RB Leipzig vor einigen Jahren vom österreichischen Red-Bull-Konzern gegründet wurde.

Doch verrät der Spruch von "unserem Sport", dass die wahren Motive der Gewalttäter ganz andere sind: Es ging ihnen nicht um die Bewahrung von Werten und "Tradition", nicht um den Kampf der Kleinen gegen kapitalistische Einflüsse im "Volkssport" Fußball. Wäre das so, müsste man als Anhänger der börsennotierten Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA die eigenen Bosse und Sponsoren kritisieren, nicht die Anhänger der anderen Vereine halb bewusstlos prügeln.

Nein: Den Hooligans von Dortmund geht es darum, den Fußball exklusiv zu halten. Exklusiv in den Händen der (westdeutschen) Vereine, die schon immer da waren. Exklusiv aber auch in den Händen derjenigen Schläger und Extremisten, die in genau diesen "Traditionsvereinen" ganze Fankurven dominieren, weil sie seit Langem schon die Kunst der Einschüchterung beherrschen.

Für Randalierer wie jene vom Wochenende ist RB Leipzig die größte vorstellbare Bedrohung. Ausgerechnet dieser ostdeutsche Club verbindet zwei Dinge, die es zusammen im deutschen Fußball sonst nirgendwo gibt: absolute Leidenschaft – und absolute Gewaltlosigkeit. Der Verein wirkt gegen Underdog-Ängste im Osten, gegen Minderwertigkeitskomplexe in Sachsen, gegen Wut in Leipzig. Er ist auch: Gegengift gegen Pegida und Populismus.

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