DIE ZEIT: Fast ein Jahr lang haben Sie als Staatsrat der Kulturbehörde die erkrankte Senatorin Barbara Kisseler vertreten, jetzt sind Sie selbst Kultursenator. Das überrascht, weil Olaf Scholz immer gesagt hat, unter ihm würden Staatsräte nicht Senatoren. Wie haben Sie das geschafft?

Carsten Brosda: Ich habe meinen Job gemacht.

ZEIT: Wussten Sie denn schon lange vorher, dass Sie Senator werden sollen?

Brosda: Nein, der Bürgermeister hat es mir eine gute Woche vorher gesagt.

ZEIT: Was wollen Sie anders machen als Barbara Kisseler?

Brosda: Ich bin sicherlich eine andere Type, aber sie hat ohne Frage viele Koordinaten sehr gut gesetzt, und wir sind alle gut beraten, die großen Linien, die sie angelegt hat, weiterzuziehen.

ZEIT: Was sind das für große Linien?

Brosda: Sie stand dafür, Kultur aus sich selbst heraus für relevant zu halten und sie nicht nur als einen Aspekt von Stadtmarketing zu begreifen. Das heißt: Künstler und Kreative als eigenständige Akteure wahrzunehmen und sich mit jeder Faser leidenschaftlich darum zu kümmern, dass die Rahmenbedingungen stimmen.

ZEIT: Ein Problem von Hamburg ist ja nach wie vor, dass Kulturschaffende nach Berlin abwandern – gerade junge Leute, die in Hamburg eine Ausbildung machen und dann in der Hauptstadt bessere Bedingungen vorfinden.

Brosda: Wir hatten in unserem föderalen Land schon immer Wellenbewegungen: Ein paar Jahre lang gucken alle auf eine Stadt, dann geht es weiter. Ich finde ja, dass sich Hamburg und Berlin gut ergänzen. Wir müssen aber darauf achten, dass in unserer wachsenden Stadt die Räume für Kunst und Kultur erhalten bleiben.

ZEIT: Trotzdem: Die Abwanderung nach Berlin war in den letzten Jahren ein Fakt. Muss sich Hamburg nicht daran gewöhnen, Durchlauferhitzer zu sein?

Brosda: Natürlich haben wir in einem Stadtstaat andere Rahmenbedingungen als in einer Hauptstadt, hinter der der Bund steht und damit eine gesamtstaatliche Absicht, die Kultur dort besonders zu fördern, weil die Welt vielleicht besonders hinguckt. Relevanz kann man aber auch nicht herbeisubventionieren. Daher müssen wir uns fragen: Was macht uns relevant? Und wie können wir daran gezielt arbeiten?

ZEIT: Amelie Deuflhard von Kampnagel sagt, man müsse die Kultur-Förderinstrumente "neu strukturieren". Was bedeutet das für Sie?

Brosda: Wir haben bereits eine Potenzialanalyse für die freie Szene gemacht, deren Empfehlungen sind noch nicht alle umgesetzt. Aber im Rahmen der Finanzierung des Elbphilharmonie-Spielbetriebs haben wir etwa einen Musikstadtfonds neu aufgelegt, der mit einer halben Million der freien Musikszene hilft, Projekte umzusetzen. Wir setzen solche Instrumente auch im Bereich der Performing Arts oder der bildenden Künste ein und müssen kontinuierlich schauen, wie es noch besser geht.