Montag, 13.33 Uhr. Chan-jo Jun wischt mit einem Schwamm die Tafel weiß. Es ist Zeit für einen Schlachtplan. Er hat noch genau eine Stunde und 27 Minuten, dann wird ihm Facebook im Gerichtssaal gegenüberstehen. Am Konferenztisch seiner Kanzlei sitzen zwei seiner Anwaltskollegen, der Referendar und der Werkstudent. Um alle herum kreist die Kamerafrau der New Yorker Dokumentarfilmerin, die ihn heute begleitet. Al-Dschasira wird kommen und das japanische Fernsehen. Die Welt schaut auf Würzburg, seine Heimatstadt. Auf ihn, Chan-jo Jun, dem es gelungen ist, Facebook in Deutschland zum ersten Mal vor Gericht zu bringen. Es könnte der größte Tag in Juns Karriere als Anwalt werden. Warum beginnt ausgerechnet dieser Tag mit einer Panne?

Morgens um acht war er extra noch beim Landgericht vorbeigefahren, der Übertragungswagen des Bayerischen Rundfunks hatte sich schon positioniert. Jun wollte nachsehen, ob Facebook in einem Schriftsatz seine Argumente hinterlegt hatte, so wie das üblich ist. Aber nichts, immer noch nichts. Jun hatte geahnt, dass Facebook das so lange wie möglich hinauszögern würde, damit ihm nur wenig Zeit bliebe, sich vorzubereiten. Aber am Vormittag der Verhandlung: immer noch kein Schriftsatz. Gegen elf erst hatte sich das Gericht gemeldet. Jetzt sei er da. Vier Stunden vor Verhandlungsbeginn! "Es ist unfair", hatte Jun der Dokumentarfilmerin erklärt, die Hände staatsmännisch vorm Anzug verschränkt, "aber es ist typisch für Facebook."

Da weiß er noch nicht, dass die Sekretärin des Gerichts nicht mitbekommen hatte, dass der Schriftsatz bereits am Freitagabend durchs Faxgerät gelaufen war.

Chan-jo Jun, 42 Jahre alt, geht vor der weißen Tafel auf und ab und lässt den Filzstift zwischen den Fingern wippen. 37 Seiten mussten sie hastig auf Schwachstellen scannen. "Lasst uns erst mal grob sammeln und dann eine Struktur reinbringen", sagt Jun. Mit dem Stift dirigiert er seine Mitarbeiter.

Der junge Mann, der ihm geholfen hat, Facebook vor Gericht zu bringen, wartet vor dem Konferenzraum zwischen leeren Pizzakartons und guckt auf sein Smartphone. Er hat einen Bartflaum ums Kinn, aus seinem schwarzen Pullover schaut ein karierter Hemdkragen. Anas Modamani, 19 Jahre alt, ist erst seit wenigen Tagen in Deutschland, als Angela Merkel im Herbst 2015 seine Flüchtlingsunterkunft in Berlin-Spandau besucht. Er erkennt die deutsche Kanzlerin nicht, aber er ahnt, dass diese Frau wichtig ist. Modamani, selbstbewusst und aufgeschlossen, bittet sie gleich um ein Selfie. In den Tagen danach ist das Bild, wie er sich mit der Kanzlerin fotografiert, auf vielen Nachrichtenseiten zu sehen.

Nach den Terroranschlägen von Brüssel taucht es wieder auf, diesmal auf einem dubiosen Newsportal mit bulgarischem Impressum: "Merkel hat ein Selfie mit einem der Brüssel-Terroristen gemacht?" Das Fragezeichen geht im Strudel der sozialen Netzwerke bald unter. Dann wird Modamanis Foto vor den Terrorlaster vom Breitscheidplatz montiert: "Merkels Tote". Um Weihnachten herum schließlich die nächste Montage: "Obdachloser angezündet. Merkel machte 2015 Selfie mit einem der Täter!" Anas Modamani ist zu einer falschen Nachricht geworden, zu einer Fake-News, Hunderte Male von Rechten geteilt. Er ist ihr Poster-Boy – sie pinnen ihn sich als das wahre Gesicht der Flüchtlinge an ihre Facebook-Profile. Alles Verbrecher!

Selbst seine Mutter in Syrien macht sich Sorgen, dass er ins Gefängnis muss. Modamani, der mittlerweile bei einer Gastfamilie in Berlin-Biesdorf zur Miete wohnt und abends nach dem Sprachkurs bei McDonald’s jobbt, beschließt, etwas zu unternehmen.