Der Facebook-Fall passt nicht ins Portfolio. Er kostet viel Geld, bringt aber keine lukrativen Aufträge, nur Drohanrufe. Jun kann seinen jungen Anwälten dafür jetzt etwas besseres bieten: den Kampf gegen einen Bösewicht. "Etwas, das Sinn stiftet".

Im Karrierenetzwerk Xing sucht er nach weiteren Facebook-Verantwortlichen, im Handelsregister findet er die Privatadresse des Europachefs. Kurz darauf meldet sich ein Anwalt der internationalen Großkanzlei White & Case bei Jun. Aus diesen ersten Gesprächen ist bei Jun vor allem hängen geblieben, dass der Anwalt sich über seine veraltete Homepage lustig machte. Es geht ihm wie vielen Deutschen, die etwas von Facebook wollen: Er fühlt sich nicht besonders ernst genommen. Spätestens da beschließt Jun, ernst zu machen.

Jedes Mal, wenn er jetzt mit den Anwälten von White & Case korrespondiert, setzt er Journalisten in CC. "Der Grundsatz ist: Alles ist transparent", sagt Jun. "Es gibt keine E-Mail, die ich Ihnen nicht zeigen würde. Ich will ja nicht beweisen, dass ich der größte Anwalt bin, sondern dass wir ein rechtliches Problem haben."

Seine Homepage hat er mittlerweile erneuert.

Den ersten Erfolg erringt er im November 2015: "Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Facebook-Manager". Juns Kampf ist jetzt eine Nachricht. Er wird auf Podien der CSU eingeladen, ins Innenministerium von Baden-Württemberg. Er gibt Interviews fürs Morgenmagazin.

14.42 Uhr. Im Saal setzt wieder das Blitzlichtgewitter ein, das schon Jun und Modamani empfangen hatte. Showtime! Facebook betritt den Gerichtssaal durch den Seiteneingang. "Das ist doch der Kollege Munz!", ruft Chan-jo Jun und öffnet die Arme, als hätte er einen alten Bekannten entdeckt. "Kennen wir uns?", murmelt Martin Munz von der Kanzlei White & Case. Er trägt eine blaue Krawatte mit geschwungenen roten Mustern, die deutlich breiter ist als die von Jun. Er wirkt nicht, als ob er seinen Auftritt genießt.

Chan-jo Jun mag Kameras. In seinem Konferenzraum hat er Scheinwerfer installiert, mit denen sicher auch Jim Rakete gut arbeiten könnte. Manchmal zeichnet er Baumdiagramme auf sein Whiteboard, erklärt dabei juristische Fragen und stellt die Aufnahmen dann auf YouTube. Er hält das in Zeiten, in denen Menschen offenbar lieber gucken als lesen, für einen adäquaten Service. Die Menschen auf YouTube bestätigen seine These mal mehr (Wie reagiere ich auf eine Abmahnung? 94 373 Aufrufe), meist aber weniger (Sollen unsere Werte gelten oder die von Facebook? 89 Aufrufe). Vor der Verhandlung hatte Jun überlegt, Martin Munz mit fränkischen Bocksbeuteln zu begrüßen. Die hat er jetzt aber sicherheitshalber im Auto gelassen.

Dass die Welt heute auf Würzburg schaut, liegt daran, dass Jun das Gericht wählen durfte – und dass er seit mehr als 30 Jahren in der Stadt lebt. Seine Mutter, eine Krankenschwester, und sein Vater, ein Bergmann, waren als Gastarbeiter aus Korea nach Deutschland gekommen. In Verden an der Aller bekamen sie 1974 Chan-jo. Als der Vater schwer erkrankte, fuhren die Eltern durchs Land, auf der Suche nach einem Ort, der gute Kliniken, aber vor allem gute Schulen für ihre beiden Söhne bot. Würzburg erhielt den Zuschlag. Und Jun blieb. Er machte das beste Jura-Examen seines Jahrgangs, arbeitete eine Zeit lang für McKinsey und eröffnete schließlich die Kanzlei.