Aus dem Osten Europas kommt nichts Gutes. Diesen Satz würden viele Westeuropäer wohl schnell unterschreiben. Manch einer würde sogar hinzufügen: "Wir sollten sie wieder loswerden!" Die Ungarn, die dem Populisten Viktor Orbán nachlaufen; die Polen, die dem antiliberalen Jarosław Kaczyński ihr Land anvertraut haben; die Tschechen und ihren islamfeindlichen Präsidenten Miloš Zeman; die Slowaken mit dem Linkspopulisten Robert Fico an der Spitze. Spätestens seit dem Beginn der Flüchtlingskrise 2015 hat sich zwischen West- und Osteuropa ein tiefer Graben aufgetan. So tief, dass sehr fundamentale Fragen gestellt werden: Gehören wir eigentlich zusammen? Oder sind wir nicht grundlegend anders, unvereinbar gewissermaßen? Die Osterweiterungen der Europäischen Union erschienen aus westeuropäischer Perspektive plötzlich wie ein großes Missverständnis, ein historischer Fehler.

Bei all der Aufregung über die dunklen Seiten Osteuropas geriet in Vergessenheit, dass es die mittel- und osteuropäischen Völker waren, die vor mehr als 25 Jahren in Massen auf die Straße gingen und mit Mut und Beharrlichkeit das Joch des Kommunismus abschüttelten und die Freiheit erkämpften. Jetzt, da seit Tagen Hunderttausende Rumänen gegen ihre Regierung und die allgegenwärtige Korruption demonstrieren, erinnert man sich im Westen daran, dass das rumänische Volk im Jahr 1989 auf die Straßen und Plätze strömte und den Gewaltherrscher Nicolae Ceauşescu unter tödlicher Gefahr hinwegfegte. Und so wie damals haben die Massendemonstrationen von heute Bedeutung weit über Rumänien hinaus.

Die Proteste entzündeten sich an einem Gesetzesentwurf der Regierung. Er zielte ganz offensichtlich darauf ab, die korrupte politische Kaste – hier trifft der Begriff einmal zu – vor juristischer Verfolgung zu schützen. Die Regierung, die erst im Dezember 2016 ins Amt gewählt worden war – bei einer Wahlbeteiligung von nur 39 Prozent –, hatte in rasender Geschwindigkeit wichtige Institutionen des Staates angegriffen, von der äußerst aktiven Antikorruptionsbehörde bis hin zum Schulsystem. Dabei geht es ihr nicht um den Umbau des Staates aus ideologischen Motiven, wie das etwa in Polen der Fall ist; die regierenden Sozialdemokraten verfolgen ganz profane Gründe: Ihre Funktionäre wollen sich vor den erstaunlich gut funktionierenden Institutionen des rumänischen Rechtsstaates schützen.

Korruption ist eine Geißel, unter der ganz Südosteuropa leidet. Sie untergräbt die öffentliche Verwaltung, sie lähmt die Wirtschaft, sie pervertiert die Politik, und sie nährt die Hoffnungslosigkeit. Junge Menschen verlassen in Scharen ihre Länder, angewidert von den alten, unverbesserlichen Eliten. Es ist daher nicht erstaunlich, dass die Massendemonstrationen in Rumänien in den Nachbarländern aufmerksam verfolgt werden.

In den sozialen Netzwerken schlägt den demonstrierenden Rumänen eine Welle der Solidarität entgegen. Und immer wieder wird die Frage gestellt: Warum nicht auch bei uns? Warum wird nicht auch in Serbien, in Bosnien-Herzegowina, in Albanien, in Montenegro, im Kosovo protestiert? Gründe dafür hätten die Menschen genug. Die Opposition in Albanien hat, von dem rumänischen Beispiel inspiriert, für den 18. Februar zu Demonstrationen gegen die Regierung aufgerufen. Der Vertreter und Sonderbeauftragte der EU in Sarajevo, der schwedische Diplomat Lars Gunnar Wigemark, hat einen erstaunlich undiplomatischen Tweet abgesetzt. Auf Rumänien Bezug nehmend, schrieb er: "Wann wird das in Bosnien-Herzegowina geschehen?"

In Rumänien geht es derzeit nicht um das Schicksal Europas. Aber es geht um die Frage, ob sich nach Ungarn – und vielleicht bald auch Polen – ein weiterer Staat von den rechtsstaatlichen Fundamenten löst, auf denen die Europäische Union steht. Die Regierung in Bukarest hat ihr umstrittenes Gesetzesvorhaben vorerst zurückgezogen, das ist ein großer Erfolg. Doch die Demonstranten machen weiter, sie trauen der Regierung nicht.

Offenbar wissen Hunderttausende Rumänen, was vielen Westeuropäern erst seit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten dämmert: Die Demokratie braucht aufmerksame Bürger, sonst geht sie verloren.