Kitsch oder nicht Kitsch: Das ist bei Marguerite Duras ja immer die Frage. Die berühmte französische Autorin, die von 1914 bis 1996 lebte, feierte 1984 mit dem Weltbestseller Der Liebhaber ihren größten Erfolg. Jene autobiografisch grundierte Geschichte einer 15-jährigen Französin im kolonialen Indochina, die sich einen schönen, wohlhabenden, zwölf Jahre älteren Chinesen für ihre sexuelle Initiation wählt, bot den Lesern eine eigenwillige Mischung aus Exotismus, einer selbstbewusst-frühreifen Heldin und dem Rückblick der 70-jährigen Erzählerin auf diese prägende, frühe Lust – ein moderner Klassiker bis heute.

Das Kitschige an Duras ist die einfache Sprache, jene pathetische Schlichtheit, in der immer das Schicksal, die Existenz hindurchzittern soll. "Mit 18 bin ich gealtert": Mit diesem Satz hebt auch das Hörspiel von Kai Grehn an, mit dem der Regisseur, der bereits 2014 einen Duras-Text inszenierte, den Liebhaber vor dem Kitsch retten will. Das gelingt ihm, nicht zuletzt wegen seines herausragenden Sprecher-Ensembles. Da wäre Dagmar Manzel, die vielfach preisgekrönte Schauspielerin, die die reife Duras spricht: Das einfache Erzählen wird in Manzels ruhigem, äußerst zurückgenommenem, keineswegs hohem Ton nicht zum bedeutungsschwangeren Tremolo, was bei Sätzen wie "Sehr bald in meinem Leben war es zu spät" schnell passieren kann. Vielmehr verwandelt sie ihren Stoff in eine präzise Erinnerung, in der es nicht um rückwärtsgewandtes Sinnieren, sondern um die Genauigkeit geht – um Klarheit statt Bedeutung.

Das Mädchen wiederum verkörpert Paula Beer, Jahrgang 1995, eine der interessantesten jungen Schauspielerinnen, ebenfalls mehrfach ausgezeichnet. Hier hören wir ein junges Mädchen, weniger eine junge Frau; das Suchen der Pubertät spüren wir in dem gehauchten, doch willensstarken Satz zu dem erkorenen Liebhaber: "Ich will, dass Sie tun, was Sie üblicherweise tun mit Frauen, die Sie in ihr Zimmer mitnehmen." Der zarte, reiche Chinese ist bei Alexander Fehling ein unsicherer, unterlegener, verliebter Junge, der trotz oder vielmehr wegen seiner Erfahrung weinen muss bei seinem Entjungferungsdienst. Das Ganze ist die Geschichte einer intuitiven Emanzipation, denn sie trifft ihren Liebhaber trotz Verbots der Mutter (Nina Kunzendorf): Dieses Mädchen will Frau sein und dafür ihr Begehren entdecken, selbstbewusst in der Selbsterfahrung. In der Frühreife ahnt man ein schnelles Älterwerden – und den Verlust. Es wird reichlich geflüstert und gehaucht auf den Laken, aber der Kontrast mit der eingeblendeten Erzählstimme Manzels verleiht dem Hörspiel die Geste einer geglückten Erinnerung. Die fernöstlichen Klänge des Avantgardemusikers Song Yuzhe wirken etwas too much in dieser ohnehin west-östlichen Geschichte. Der überzeugenden akustischen Reanimation des Klassikers kann das aber nichts anhaben.

Marguerite Duras: Der Liebhaber. Hörspiel v. Kai Grehn; Hörbuch Hamburg, Hamburg 2016; 1 CD, 83 Min. Laufzeit, 13,99 €