Dicke Frau, dünne Frau. Zugleich: alte Frau, junge Frau. Einfachste Figurenkonstellation – das ist das Grundgerüst dieses Buches, und da es ein Roman von Brigitte Kronauer ist, immer verlässlich, was Witz und Virtuosität angeht, kann man sich darauf gefasst machen, dass sich dahinter einiges Überraschende versteckt. Nun, Anita ist 40 plus, eine schon ins Hölzerne tendierende Person, und Emmi, ihre Tante, einst gut gepolstert, ist bereits ein wenig durchscheinend – womöglich auf dem Weg ins Off. Einmal trifft man Emmi wie ein gekreuzigter Andreas auf dem Teppich liegend an und erschrickt, aber wie so vieles in diesem Buch ist dieses Hingestreckte der Alten nur Schein – es handelt sich weder um eine späte erotische Position noch um eine Unglückslage, vielmehr um eine physiotherapeutisch empfohlene Übung, die sich hier, wie so vieles, was im Leben unerfreulich sein kann, in beste Unterhaltung auflöst.

Anita ist vor Beginn des Romans, im Griff einer Amour fou, von Zürich nach Aachen umgezogen, wo sie herkommt. Dort hockt Tante Emmi in einer Villa, so allein, wie man es mit einer resoluten Pflegerin aus Polen sein kann. Man möchte es kaum Handlung nennen, schon weil es abtörnend wirken könnte, aber es sind Besuche von Anita bei Emmi, quasi Pflicht-Verwandtenbesuche, die den Roman takten, dessen Rohstoff aus der kaum zu bändigenden Gedankenflut Anitas besteht. Die Rollen zwischen Anita und Emmi scheinen klar verteilt, hier das von frischer Liebe vibrierende Weib und dort die alte Schachtel, der Anita Informationskügelchen aus ihrer so aufregenden Affäre zuwirft, die Emmi gierig aufschnappt, bis – man muss es verraten – diese so ausbalancierte Konstellation ins Rutschen gerät und Anita und Emmi plötzlich die Plätze getauscht haben, als hockten sie auf einer Möbiusschleife, diesem sich zur Acht verschlingenden Band, und seien umeinander geglitten.

Anitas Liebe ist perdu. Das kann nicht wundern, "von Anita geht etwas Konfuses aus", heißt es schon früh etwas mitleidlos. Emmi dagegen hat sich einen Senior gefunden. Auch das müsste nicht verwundern, hatte es doch einmal geheißen, in Kronauers typischer Bosheit, ihre Augen seien so jadegrün, dass es den Anschein erwecke, "als ob der ganze Körper unter der Haut nur aus Jade bestehe, aus nilgrüner Jade durch und durch". Emmi, die nach dem Tod ihres Sohnes, der als Kind von einem Baum stürzte, auf ewig traumatisiert schien, ist nun diejenige, die Mitleid für Anita verströmt, deren Herzbub, der glatthäutige Mario, bei einem Ausflug in den Karpaten vom Berg kippte. Dies ist, in seiner parallelen Konstruktion grotesk, in der offensichtlichen Künstlichkeit der Anordnung völlig absurd, eine ironisch wirkende Distanzierung zu einem Erzählen, das sich in den Banalitäten des Alltags verliert. Wir befinden uns bei Kronauer in einem ganz und gar künstlichen, kunstfertig konstruierten Gebilde.

In dieser Kulisse jongliert Brigitte Kronauer fast routiniert so große Themen wie Verlust und Tod und schiebt Amor die Jokerkarte zu und hat das Ganze in einen weiten zeitlichen Rahmen von "damals" und "plötzlich" platziert, welches die beiden Lieblingswörter von Anita sind, die beschreiben, wie die Vergangenheit uns immer seelisch und gedanklich umfängt und doch plötzlich alles wieder anders sein kann, selbst rückblickend betrachtet in diesem sich für Anita zur Beruhigung dehnenden "Daaaaamals".

Man darf sich das aber nicht tiefsinnig schwermütig vorstellen, es gibt, wie bei Shakespeare, zur Auflockerung eine Fülle von hübschen Extras. Die Autorin hat wunderliche Personen aufs Spielbrett gesetzt. Die pflegende Polin etwa, die mit ihrer dominanten Penetranz das Zeug zu einem Einpersonendrama hätte und das auch gerne ausleben würde, was sie aber, von Kronauer zur Nebenfigur bestimmt, nicht darf, ein Schicksal, gegen das sie sich verbittert wirft. Ein dubioser Antiquitätenhändler tritt auf, Herr Marzahn, von dem man zum Schluss mutmaßt, dass er womöglich der zentrale Held sein könnte, auf Rheinisch: Strippenzieher. Vielleicht schwul. Möglicherweise Marios Lover. Oder pädophil. Jedenfalls ein schwadronierender Großbürger, der sich als romantischer Held aufspielt ("der Scheik von Aachen"), aber womöglich doch nur ein aufgeblasener Kleinstadt-Pate ist inmitten eines Klüngels, wie er für das Rheinland typisch sein soll. Wo ja auch die Autorin, 1940 in Essen geboren, einige Zeit lang lebte, als Lehrerin in Aachen. Das historisch hohe Selbstbewusstsein der Domstadt, die deutsche Kaiser krönte, wird zurückgestutzt auf die Dimension einer Andenkenbude mit religiös überhauchtem Kitsch, in der Anita ihre Brötchen verdienen muss, nachdem sie in ihrer Liebesaufwallung eine prima Stelle in Zürich aufgegeben hatte.

Man spürt das Vergnügen der Autorin, ihre Geschichte mit Raffinesse auszubauen. Sie streift dabei einmal durch die Künste, wie auf einem Palimpsest scheinen andere Genres durch, die mit ihrem Narrativ im modernen Erzählkosmos Spuren hinterlassen haben. Man findet etwa, als wäre es ein Film von Aki Kaurismäki, einen trostlosen Mann auf einer Bank, der hofft, dass das Schicksal ein Einsehen hat und ihn abholt, es gibt ihn, nach guter romantischer Tradition, sogar doppelt, als "Brammertz" und als "falscher Brammertz". Und, ja, Kronauer schickt ihm zur Gesellschaft Anita, die sich auf der Bank ab und zu ein Päuschen von ihrem aufreibenden Gefühlsleben gönnt. Der Überraschungsgastauftritt geht an ein Tanten-Duo, "warzige Kröten", das ist Slapstick der feinsten Sorte, als würden sich die skurrilen Zwillinge auf dem berühmten Foto von Diane Arbus plötzlich in Bewegung setzen und aus dem Foto heraus in diesen Text hinübertreten. Während zunächst kammerorchestermäßig kleine Lokalitäten die Szene beherrschen – die Devotionalienbude, der Salon der Tante –, werden auch die räumlichen Schleifen, parallel zu den zeitlichen, ausgedehnt und reichen endlich bis zur Abbruchkante eines Braunkohleabbaugebietes, von dem aus man in die Schluchten der Erdzeitalter guckt.