Wer in den Keller geht, findet manchmal Kurioses. Der Keller ist in unserem Fall das Deutsche Literaturarchiv Marbach (wobei "Keller" für das riesige unterirdische Gelass ein verharmlosendes Wort ist), und das Kuriose ist ein Briefwechsel zwischen Siegfried Lenz und Marcel Reich-Ranicki. Gefunden hat ihn Günter Berg, der Herausgeber und Kommentator des eben publizierten siebten Bandes der Hamburger Ausgabe der Werke von Lenz: Deutschstunde. Der Roman war im Herbst 1968 erschienen, bis zum Jahresende waren 100.000 Exemplare verkauft worden, und die Kritik hatte überwiegend positiv reagiert.

Reich-Ranicki, damals Literaturkritiker der ZEIT, reagiert mit Verzögerung. Im Mai 1969 schickt er einen Brief an Lenz mit 28 Fragen für ein ZEIT-Gespräch. Frage 4: "Keiner der Romane des auch von Ihnen außerordentlich geschätzten Wolfgang Koeppen war auch nur annähernd so erfolgreich wie Ihre Deutschstunde. Ist es vielleicht möglich, dass der Erfolg der Deutschstunde nicht nur mit den starken, sondern auch und vor allem mit den schwachen Seiten dieses Buchs zusammenhängt? Es hat ja schon häufig Schriftsteller gegeben, die eher um ihrer Makel und Schwächen als um ihrer Vorzüge willen von dem breiten Publikum geliebt werden."

Mit anderen Worten: Der bekannte Kritiker (48 Jahre alt) verlangt von dem ebenfalls bekannten Schriftsteller (42), er wolle doch bitte zugeben, dass er unter sein Niveau gegangen sei, um sich dem "breiten Publikum" an den Hals zu werfen, was der große Koeppen nie gemacht und deshalb nie einen solchen Erfolg erzielt habe.

Siegfried Lenz reagiert auf diese Bosheit mit der ihm eigenen Eleganz und entgegnet: "Ich habe wirklich noch nie von einem Leser gehört, der ein Buch kaufte, um sich an den Schwächen und Makeln seines Autors zu begeistern." Reich-Ranicki hakt nach und wechselt ins "Du", denn die beiden sind miteinander befreundet: "Die Frage ist, ob Du nicht mit gewissen eher fragwürdigen Elementen in dem Roman einem eher fragwürdigen Publikumsgeschmack entgegenkommst." Lenz antwortet mit dem für das Interview vorgesehenen "Sie" und schreibt: "Wer als Autor versucht, einem allgemeinen 'Geschmack' entgegen zu kommen, wird niemals Geschmack zufriedenstellen und er gibt außerdem seine Freiheit auf. Sollte Ihre Frage schließlich darauf hinauslaufen, mich selbst einen spezifischen Makel für mein Buch finden zu lassen, nun, es hat den Makel der Lesbarkeit."

Dass die Deutschstunde Reich-Ranicki nicht gefiel, kann man verstehen. Eine Geschichte, die hauptsächlich zwischen Deich und Watt spielt und deren erotischste Szene darin besteht, dass der halbwüchsige Siggi die Schnittwunde am nackten Fuß seiner älteren Schwester – sie ist am Strand auf eine Muschel getreten – mit dem Mund aussaugt, eine solche Geschichte konnte dem Erotikliebhaber und Landschaftshasser Reich-Ranicki keinesfalls behagen. Seinen Missmut für sich zu behalten lag ihm allerdings ebenso wenig. Während Lenz, falls ihn die Kritik des Freundes, und es blieb wahrlich nicht die einzige, gekränkt haben sollte, sich einfach nur höflich verhielt. Die Höflichkeit, eine heute nicht mehr allzu oft geübte Tugend, war seine stärkste Waffe.