Man muss sich nicht zu Trump bekennen, um ihm doch zuzuarbeiten. Es genügt, wie es in dieser Woche geschehen ist, die Kritiker des Präsidenten zu Hysterikern zu erklären. Das zugegebenermaßen rustikale Spiegel-Titelbild, auf dem Trump als dschihadistischer Killer der Freiheit zu sehen ist, wurde in so seltener Einhelligkeit und Vehemenz verurteilt, als habe die Presse ihre Kompetenzen aufs Grellste überschritten. Das Cover verhindere eine "differenzierte Betrachtung von Trumps Politik", man warnte vor der "Abstumpfung der Öffentlichkeit", vor der "Vergiftung des politischen Denkens" und ganz grundsätzlich vor einem "hyperventilierenden Anti-Trump-Journalismus".

Um nicht missverstanden zu werden: Man muss weder links noch linksradikal oder linksliberal gesinnt sein, um einen Präsidenten zu verurteilen, der vorzugsweise Muslimen die Einreise untersagen möchte, der gegen die Qualitätspresse und Richter pöbelt, der gegen ausländische Firmen pestet, der die Nato und die EU attackiert oder der Sympathien für Farage und Putin zu erkennen gibt. Die heftige, teilweise auch entgleiste Empörung über Trump ist weder wohlfeil, noch ist sie das Produkt einer großstädtischen Blase, wo man vor lauter Transgenderdiskussionen angeblich jeden Kompass verloren hat. Wer Polemik beklagt, muss auch sagen, wer sie provoziert, ja regelrecht erzwungen hat.

Wäre Trump ein Konservativer wie George Bush senior oder Reagan, jede Warnung vor Panikmacherei hätte gewiss ihre Berechtigung. Trump aber ist kein Konservativer. Sein auf Aktionismus beruhender Politikstil ist umstürzlerisch, seine politischen Ziele verfolgt er eruptiv. Der Trumpismus, der auch ein Produkt der von Adorno beschriebenen Unterhaltungs- und Kulturindustrie ist, vereint dabei mehrere, mitunter widersprüchliche Aspekte: die protektionistische Industrialisierung des Landes und die Deregulierung der Finanzmärkte, die Beschwörung der Größe Amerikas, seine greatness als chauvinistischen Selbstzweck und einen nur notdürftig kaschierten Rassismus, schließlich die mediale Verschmelzung mit dem Volk via Twitter und die Abkehr von institutioneller Stabilität.

Viel größer als die Gefahr, es mit der Kritik an Trump zu übertreiben, scheint doch, dass man sich an die schleichende Aushöhlung ziviler Mindeststandards gewöhnt, an das Gift notorischer Beleidigungen, an die Verprollung von Politik, an die Verachtung von Minderheiten und die Geringschätzung von Gewaltenteilung. Die Sehnsucht nach "Normalisierung", nach weniger hyperventilierendem "Anti-Trump-Journalismus" mag ja verständlich sein, wer möchte nicht seine selige Ruhe – nur ist sie eben ein frommer Wunsch, solange der Präsident des mächtigsten Staates der Welt die kritische Berichterstattung über sich tagtäglich als Affront begreift, als Fake-News oder als unlautere Einmischung in seine privaten Angelegenheiten. Es scheint vor diesem Hintergrund einfach unplausibel, eher die Bewahrer von rechtsstaatlichen Prinzipien und allgemeinem Humanismus zu maßregeln als den Verursacher der Krise selbst. Die Kritik an Trump als hilflos zu schmähen ist ebenfalls billig: Es geht bei der Verteidigung grundlegender westlicher Werte nicht zwingend um Originalität. Und dass Zeitschriftencover übertreiben, zuspitzen, übers Ziel hinausschießen, um Aufmerksamkeit und Auflage buhlen, ist kein Beleg für lügenpressehaftes Verhalten. Im Fall des Spiegel-Covers stellt sich, wenn überhaupt, eine Geschmacksfrage. Und, dies nur nebenbei: Natürlich wird Trump vom Spiegel nicht mit einem Terroristen gleichgesetzt, wie notorisch behauptet wird. Die Enthauptung der Lady Liberty dient als Metapher für die Vernichtung des amerikanischen Freiheitsversprechens. Wer meint, dies sei ungehörig, hat zu wenige Trump-Tweets gelesen, die leider sehr konkret, sehr unmetaphorisch formuliert und auch so gemeint sind.

Wer sich im Netz Reagans victory speech vor seinen Anhängern im Jahr 1980 anschaut, glaubt kaum, wie vergleichsweise zivil und divers, wie heiter und unbekümmert die republikanische Basis noch vor wenigen Jahrzehnten war – und wie obszön und menschenfeindlich sie heute ist. Man kann nicht mehr im eingeübten Wechsel von konservativen und linken Stimmen einen Meinungsbildungsprozess der Ausgewogenheit zelebrieren, als sei nichts Besonderes geschehen. Der Trumpismus, der für den Mob einsteht und den Anti-Intellektualismus, ist weder eine konservative noch eine linksliberale Strömung. Der Trumpismus richtet sich gerade gegen beide, gegen Konservative und Linksliberale. Aber vielleicht ist es zu früh (und am Ende zu spät), sich das einzugestehen.