Der Klang eines Holzhammers lässt im Gerichtssaal 10 D des Eastern District Court of New York alle Gespräche verstummen. Die Anwältin Julie Kornfeld erhebt sich, auch die Journalisten stehen auf, die Vertreter der Regierung, sie alle blicken nach vorne zu der Richterin, die nun in schwarzer Robe den Raum betritt, kurz innehält und dann die Worte ausspricht, die Julie Kornfeld in den vergangenen Stunden herbeigesehnt hat, die Worte, die alles sagen über die Vereinigten Staaten von Amerika wenige Wochen nach der Amtseinführung des neuen Präsidenten.

"Die Verhandlung 'Darweesh gegen Trump' ist eröffnet."

Hameed Khalid Darweesh ist Julie Kornfelds Mandant, ein 53-jähriger Iraker, der in seiner Heimat zehn Jahre lang als Übersetzer für die U. S. Army gearbeitet hat. Darweesh hat den Amerikanern geholfen, ihren Krieg zu führen. Seit dem Abzug der US-Truppen musste er im Irak um sein Leben fürchten. Nach langwierigen Sicherheitsprüfungen stellte ihm die amerikanische Botschaft ein Visum aus. Am 27. Januar stieg er um 18 Uhr in New York aus dem Flugzeug. Darweesh glaubte, sein neues Leben habe begonnen, stattdessen landete er in Abschiebehaft.

Nur anderthalb Stunden zuvor hatte Donald Trump per Signatur unter einer sogenannten Executive Order einen sofortigen Einreisestopp für Angehörige sieben mehrheitlich muslimischer Länder verfügt, darunter auch der Irak. Amerika solle sicherer werden, sagte Trump.

Der Präsident verstoße gegen die Verfassung, sagt Julie Kornfeld. Die Abschiebung von Muslimen allein aufgrund einer Anordnung des Präsidenten widerspreche dem Recht auf ein faires Gerichtsverfahren, festgeschrieben im Jahr 1791 im 5. Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung.

Es ist nicht lange her, da saß Julie Kornfeld noch in juristischen Seminaren an der University of Michigan. Sie ist erst 27 Jahre alt, eine ernste Frau mit müden Augen. In New York arbeitet sie für das International Refugee Assistance Project, eine Organisation, die Flüchtlinge kostenlos juristisch vertritt.

Julie Kornfeld hatte Hilfe von unerwarteter Seite. Ein Regierungsmitarbeiter spielte ihr den sechsseitigen Entwurf von Trumps Erlass zu. Kornfeld las den Text und wusste, was geschehen würde: Tausende Menschen würden trotz gültiger Einreisepapiere inhaftiert und in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt werden. Kornfeld konnte wenig dagegen unternehmen. Ihre Organisation ist nicht besonders groß, sie sind nur vier Anwälte. Aber sie schrieb eine E-Mail an 75 Anwaltskanzleien überall in den USA.

Als der Einreisestopp dann in Kraft trat, waren die Juristen vorbereitet. 1.600 Anwälte fuhren an die Flughäfen, um den Ankommenden Rechtsbeistand zu gewähren. Viele hatten sonst eher mit den finanziellen Problemen von Computer-Unternehmen oder Banken zu tun. Jetzt waren sie so etwas wie Notärzte an der Front. Julie Kornfeld selbst war 48 Stunden lang auf den Beinen. Sie notierte sich Namen und Schicksale, telefonierte mit Angehörigen, diskutierte mit Beamten, recherchierte die Gesetzeslage.

Noch in der Nacht formulierte sie gemeinsam mit anderen Anwälten die Klageschrift gegen Donald Trump.

Neben ihr im Gerichtssaal 10 D sitzen an diesem Tag nicht nur die Vertreter weiterer Bürgerrechtsorganisationen, sondern auch Juristen der Law School der Universität Yale. Die Elitehochschule hat sich der Klage angeschlossen, weil sie es für ihre Pflicht hält, dem neuen Präsidenten seine rechtlichen Grenzen aufzuzeigen. Auch der Generalstaatsanwalt des Staates New York hat inzwischen angekündigt, die Klage zu unterstützen.

In anderen amerikanischen Bundesstaaten, in anderen Städten fanden sich ähnliche Klägergruppen zusammen. Landesweit haben Dutzende Verfahren gegen den Einreisestopp begonnen. Es geht um unterschiedliche Paragrafen, um unterschiedliche juristische Argumente. Der Beklagte aber ist immer derselbe. Donald Trump.

Der Klang des Holzhammers, der die Verhandlungen eröffnet, er ist zur Melodie des Widerstands gegen den Präsidenten der Vereinigten Staaten geworden.

Eines Widerstands, der zunächst Erfolg hatte. Ein Bundesrichter in Seattle widersprach dem Einreisestopp. Die Inhaftierten durften ins Land. Trump antwortete so, wie er seit Wochen kommuniziert: mit schriftlichem Geschrei. In einer Twitter-Nachricht bezeichnete er den Bundesrichter als "sogenannten Richter" und dessen Urteil als "lächerlich".

Die Regierung legte Berufung ein (bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe waren die Anhörungen noch nicht beendet). Zuletzt wird wohl der Supreme Court, das höchste Gericht der Vereinigten Staaten, ein endgültiges Urteil sprechen.

Schon jetzt jedoch ist der Rechtsstreit ein bedeutsames Zeichen: Auch Donald J. Trump muss sich an die Verfassung halten.