Es gibt in Dresden einen Ort, an dem häufig die Straßenbahn entgleist, noch häufiger Fahrgäste an der Haltestelle vergessen werden und Fahrer nach Herzenslust Vollbremsungen hinlegen. Fans der Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB) lieben diesen Ort. Manche zahlen sogar extra, um ihn zu erleben.

Die Rede ist vom Fahrsimulator der DVB. Er steht in einer Halle im Stadtteil Gruna, und er sieht so aus, als sei die Fahrerkabine aus einer Straßenbahn geschält worden. Drinnen sitzt man vor Schaltern, Knöpfen und einem Großbildschirm, der die Illusion erzeugt, man navigiere auf Gleisen durch die Innenstadt.

Geräte wie dieses gibt es auch anderswo, doch für das Dresdner Modell wurden komplette Tram- Strecken abgefilmt und Unmengen an Daten verarbeitet: Jede Straßenansicht, jedes Wagengeräusch, jeder Bremsweg ist authentisch. Die Fahrt im Simulator wirkt dermaßen echt, dass ihn Straßenbahnfans sogar privat mieten. Vor allem aber hilft er, Fahranfänger zu trainieren, ohne dass die derweil den Verkehrsbetrieb in Dresden aufhalten.

In Rankings landen die DVB häufig ganz weit oben, und auch in der Datenanalyse von ZEIT und ZEIT ONLINE sind sie Spitze: In kaum einer Stadt gibt es mehr Haltestellen-Abfahrten pro Einwohner, dennoch sind Tickets vergleichsweise günstig. Und bei der Zahl seiner Fahrgäste eilt das städtische Unternehmen von Rekord zu Rekord, im Jahr 2016 waren es 156 Millionen. Der Simulator ist eines von vielen kleinen Beispielen dafür, was Dresdens öffentlicher Nahverkehr anderen voraushat.

Erklären lässt sich dieser Erfolg jedoch vor allem mit einer gewachsenen Infrastruktur, die sich, weil sie besonders effizient ist, heute als Glücksfall für die Stadt erweist: Dresden verfügt nämlich über ein großes, dichtes Straßenbahnnetz – zwölf Linien mit zusammen einer Länge von 213 Kilometern.

Bis zur nächsten Haltestelle sind es meist nur wenige Minuten zu Fuß. Das schafft auch emotionale Nähe. "Die Dresdner lieben ihre Bimmel", sagt DVB-Vorstand Andreas Hemmersbach, "sie ist tief in der Bevölkerung verwurzelt." Ein Verkehrsmittel für alle. Mit der Tram (oder auch dem Bus) fährt der Dresdner ins Dynamo-Stadion, zur Demo für oder gegen Pegida; oder in die Semperoper.

Überhaupt ist es in Dresden fast unmöglich, Bahn und Bus zu ignorieren. Die leuchtend gelben Fahrzeuge fallen überall im Straßengewimmel auf. Nahverkehrsreklame in Endlosschleife.

Dass Dresden eine Straßenbahnstadt ist, verdankt es gewissermaßen dem Sozialismus und der Elbe. In der DDR gab es zu wenige Autos, als dass man den Städtebau konsequent darauf ausgerichtet hätte – gut für den ÖPNV. Und als in den 1950er Jahren die Idee für eine U-Bahn in Dresden kursierte, durchkreuzte der Fluss die Pläne: zu teuer und kompliziert, der Bau.