Der Schierlings-Wasserfenchel

Natürlich, es geht nicht ums Aussehen, aber wenn man ehrlich ist, wäre ein bisschen mehr Spektakel, wäre ein bisschen mehr Glamour der Sache angemessen. Das würde jedenfalls der Rolle entsprechen, die der Schierlings-Wasserfenchel beim Streit um die Elbvertiefung eingenommen hat. "Es stimmt schon", sagt auch Horst Bertram, "eigentlich ist er vom Aussehen her nichts Besonderes." Bertram, ein pensionierter Biologielehrer, ist Vorsitzender des Botanischen Vereins Hamburg, und er kennt sie gut, diese besondere Pflanze.

Also: der Schierlings-Wasserfenchel. Ein Doldenblütler mit weißen Blüten (unscheinbar) und rautenförmigen Blätterrosetten, zweijährig und ein ziemlicher Spezialist. Er wächst am Ufer der Tide-Elbe, und zwar – Achtung! – nur und ausschließlich hier. Sozusagen weltexklusiv in Hamburg und Umgebung, das kann sonst nur ein dreist-robustes Gras mit dem leckeren Namen Schlamm-Schwiele von sich behaupten. Würde man im Stadtmarketing nach einer Pflanze suchen, die zum Markenzeichen taugt, fiele die Wahl nicht schwer. Leider jedoch ist der Schierlings-Wasserfenchel nicht von Herzog & de Meuron entworfen, und so interessiert sich das Stadtmarketing nicht für ihn, sondern nur Horst Bertram.

Der ist, man kann das wohl so sagen, ein Fan. Von 2000 bis 2004 leitete er ein Forschungsprojekt, um mehr über den Fenchel herauszufinden. In der Nähe von Warwisch ließ er einen Priel ausbaggern, einen künstlichen Wasserlauf, der von der Elbe ins Land sticht, pflanzte ein paar Hundert junge Pflänzchen und tat dann lange nichts mehr. Er guckte nur und zählte und verglich und lernte. Er lernte dabei, ihn auch gern zu haben, den seltenen Doldenblütler, selbst wenn Bertram die Frage nach Gefühlen für die Pflanze offensichtlich niveaulos findet und er damit natürlich vollkommen recht hat.

Man braucht keine anthropomorphe Poesie, um vom Schierlings-Wasserfenchel fasziniert zu sein. Bis zu 30 Jahre können seine Samen im Schlamm verharren und darauf warten, dass eine Sturmflut sie ans Ufer schwemmt. Dort keimen sie, die junge Pflanze schlägt zarte Wurzeln (Horst Bertram sagt: ein Rhizom, und das ist natürlich korrekter) ins Ufer und schieben eine kleine Blattrosette nach oben, die dann den Winter inklusive hungriger Gänseschnäbel überstehen muss, bevor sie sich im Frühjahr anschickt, bis über Mannshöhe zu wachsen.

Die Pflanze steht bis zu einen Meter unter dem Flut-Wasserspiegel, teilt ihr Leben also zwischen den Reichen Erde und Wasser auf. Nur noch 2500 einzelne Exemplare in mehreren isolierten Populationen gibt es vom Schierlings-Wasserfenchel, schätzt Bertram. Das ist schlecht für die genetische Vielfalt. Und dann ist da noch: der Gemeine Wasserfenchel.

Bertram nennt ihn den normalen Wasserfenchel, aber "gemein" passt besser. Die zwei Arten haben sich vor nicht allzu langer Zeit aus einem gemeinsamen Vorfahren entwickelt, die Grenze zwischen den beiden ist noch porös und durchlässig.

Sie können einander bestäuben, was schlecht für den seltenen Schierlings-Wasserfenchel ist, weil sich sein seltenes Erbgut mit dem des Gemeinen vermischt. Was dann wächst, ist kein reiner Schierlings-Wasserfenchel mehr, und mit geübten Augen erkennt man die Unterschiede auch. Das Aussehen, es zählt am Ende natürlich doch.

Fritz Habekuß