Am Tag, an dem Hamburgs Kampf um die neunte Elbvertiefung beginnt, schreibt Gunnar Uldall einen dreiseitigen Brief. Betreff: "Weitere Anpassung der Unter- und Außenelbe an die Erfordernisse der Containerschifffahrt". Adressat: das Bundesverkehrsministerium. Der Hamburger Wirtschaftssenator bittet, umgehend Gespräche aufzunehmen. Es ist ein etwas regnerischer 27. Februar im Jahr 2002.

Jetzt, 15 Jahre und sehr viele Gespräche später, wird der Kampf ein Ende haben – wahrscheinlich jedenfalls. Am 9. Februar 2017 um 10 Uhr wollen die Richter des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig die ewige Frage beantworten: Kommt die Elbvertiefung? Und wenn ja, wie?

Im Streit um die Fahrrinnenanpassung, wie es im Behördendeutsch heißt, geht es um eines der größten Umweltrechtsverfahren des Landes. Sein Ausgang ist auch für zahlreiche künftige Fälle entscheidend. Trotzdem fragen sich viele in Hamburg: Wie kann es sein, dass seit den ersten Plänen mehr als eineinhalb Jahrzehnte vergehen, bis endlich eine Entscheidung fällt? War das wirklich nötig? Ausgerechnet bei einem Vorhaben, bei dem so viel auf dem Spiel steht?

Ja, es war nötig. Genau aus diesem Grund.

Jeden Monat wird die Hafenwirtschaft wütender, weil für sie jeder Monat zählt. Ohne Elbvertiefung können die immer gewaltigeren Frachter Hamburg nicht voll beladen anfahren. Es kommen weniger Container in den Hafen, und dort kalkuliert man so: Eine Million weniger Container pro Jahr bedeuten rund 10.000 weniger Jobs. Weniger Arbeit für Menschen, die Container auf Züge verladen oder Waren auspacken und weiterverarbeiten. Für Lotsen und Lascher, aber auch für Versicherer, Banker, Informatiker und BWLer. 150.000 Arbeitsplätze in Hamburg und Umgebung hängen vom Hafen ab, so verkündet es die Branche immer wieder, dazu 900 Millionen Euro Steuereinnahmen für Hamburg pro Jahr.

Doch es gibt eine andere Seite, auch sie stellt große Fragen: Ist die Wirtschaft immer wichtiger als die Umwelt? Sind neun Elbvertiefungen zusammengenommen nicht ein verheerender Eingriff in die Natur? Und wie lange soll das noch so weitergehen?

Über solche Fragen haben sich Politiker in Deutschland und Europa Gedanken gemacht. Sie sind der Meinung, dass Menschen ihre Umwelt schützen müssen. Deshalb haben sie Konventionen, Richtlinien und Gesetze verabschiedet, mit umständlichen Namen wie Wasserrahmenrichtlinie, Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie oder Umwelt-Rechtsbehelfsgesetz, auch bekannt als Verbandsklagerecht. Letzteres gibt Umweltschützern weitreichende Möglichkeiten, im Namen von Tieren und Pflanzen gegen Infrastrukturprojekte zu klagen.

Genau hier sehen viele in der Hamburger Wirtschaft das große Problem beim Endlos-Projekt Elbvertiefung. Parlamente, nicht Gerichte müssten das letzte Wort über Großprojekte haben, schimpfte der Präses der Handelskammer Fritz Horst Melsheimer bei einer seiner Silvesterreden. Die Umweltverbände hätten sich zu einer "Dagegen-Industrie" entwickelt, wettert der Chef des Verbands der Hafenunternehmen Gunther Bonz auf seiner jüngsten Mitgliederversammlung. Deutschland sei ein Neinsagerland.

Ist es wirklich so einfach?

Zunächst: Die ersten fünf von fünfzehn Jahren Wartezeit gehen nicht aufs Konto der Umweltverbände. Fünf Jahre haben allein die Stadt und der Bund mit Planungen verbracht. Auch, weil seit der letzten Elbvertiefung 1999 (für die man ganz ohne Klage insgesamt neun Jahre brauchte) viele neue Umweltstandards eingeführt wurden, die die Planer berücksichtigen mussten. "Dabei sind vor allem die wasserrechtlichen Anforderungen unterschätzt worden", sagt Alexander Schmidt, Professor für Umwelt- und Planungsrecht an der Hochschule Anhalt. "Außerdem wollte man sich wohl nicht so recht vorstellen, dass ein Pflänzchen wie der Schierlings-Wasserfenchel ein so großes und wichtiges Projekt wie die Elbvertiefung stoppen könnte. Wenn so an eine derart komplexe Planung herangegangen wird, passieren eben Fehler."

Fische können nicht selbst vor Gericht ziehen, sie brauchen Helfer

Fehler, die die Umweltschützer entdecken und beanstanden. 2007 liegen die Planungsunterlagen erstmals öffentlich aus, jetzt schauen die Umweltverbände genau hin. Die Planer überarbeiten daraufhin ihre Unterlagen. Beispielsweise sollen die ausgebaggerten Sedimente nicht mehr mancherorts direkt am Ufer abgelagert werden, wo sie den Lebensraum von Tieren und Pflanzen zerstört hätten. Auch die EU-Kommission muss gehört werden. Fünf Jahre dauert dieses Katz-und-Maus-Spiel. Erst 2012 wird aus den Unterlagen endlich ein Planfeststellungsbeschluss, gegen den Nabu, WWF und BUND gemeinsam klagen. Seither ist der Streit vor Gericht. Seit viereinhalb Jahren.

Man kann das als kleinliche Blockadehaltung betrachten und undemokratisch finden. "Irgendwelche demokratisch nicht legitimierten Lobbygruppen sollten notwendige Infrastrukturvorhaben nicht blockieren können", sagte CDU-Fraktionschef André Trepoll vor einigen Monaten in der taz.

Man kann aber auch anerkennen, dass die Naturschützer schlicht dafür sorgen, dass Gesetze eingehalten werden. Wer soll es denn sonst tun?

Die Generalanwältin des Europäischen Gerichtshofs hat das Problem in einem anderen Fall ziemlich treffend formuliert: "Fish cannot walk into court." Weder die vom Aussterben bedrohte Finte noch der ebenfalls bedrohte Schierlings-Wasserfenchel können selbst vor Gericht ziehen und gegen die Eingriffe in ihren Lebensraum klagen.