DIE ZEIT: Wir wollen über Geschichtskultur in einer Zeit sprechen, in der Rechtspopulisten und Historiker um die Deutungshoheit über unsere Geschichte ringen. Ihre Kollegen von der Gedenkstätte Buchenwald etwa erteilten Björn Höcke für die Gedenkfeierlichkeiten am 27. Januar wegen seiner umstrittenen Dresdner Rede Hausverbot. Eine nachvollziehbare Entscheidung?

Jeannette van Laak: Ich finde das angemessen. Den wenigen Überlebenden der NS-Lager wollte man Höckes Anwesenheit nicht zumuten. Mein Eindruck war ohnehin, dass er seine Worte bewusst mit Blick auf den Holocaust-Gedenktag gewählt hat, um zu provozieren.

ZEIT: Ist das Verhalten der Neuen Rechten noch Provokation oder schon eine Kampfansage? Im Manifest der Identitären Bewegung, einer völkisch orientierten Spielart des Rechtsextremismus, steht: "Wir lehnen die Geschichtsbücher ab und wollen unsere Identität selbst wiederfinden."

Dirk van Laak: Hier wird ein kritisches Verständnis der Geschichte abgelehnt. Die Neue Rechte, ob nun die Identitären, Pegida, die AfD, aber darüber hinaus auch breite Kreise der Bevölkerung hegen den Verdacht, die Welt werde von den Medien und der Wissenschaft durch Tabus und doktrinäre Positionen verkehrt. Diese Menschen meinen, es gebe stattdessen eine Wahrheit, die viel einfacher sei. Eine Wahrheit, die man sich nicht kritisch erarbeiten muss, sondern erfühlen kann. Die historische Vergangenheit ist aber komplexer als unser Gefühl.

Jeannette van Laak: Mich erinnert die Abwehrhaltung der Neuen Rechten an die letzten Jahre der DDR, in der ich aufgewachsen bin. Wir fanden, was in den Geschichtsbüchern steht, hat mit uns nichts zu tun. Deshalb habe ich nach der Wende Geschichte studiert: weil ich den ganzen Quatsch in unseren Büchern nicht glaubte!

ZEIT: Sie haben später selbst Geschichte gelehrt, in den alten wie in den neuen Bundesländern. Wie hat sich denn die Diskussionskultur in den Hörsälen und in den Schulen seit 1990 entwickelt?

Jeannette van Laak: Mir fällt zuerst ein, was in Ost und West ähnlich ist: Studierende der Geschichte erwarten heute vorgefertigte Inhalte, am liebsten besuchen sie Überblicksvorlesungen. Sie wollen Orientierung, nützliche Handreichungen für den Beruf. Dass man selbst sehr viel lesen und recherchieren muss, gilt als anstrengend. Aber gut, die Klage, dass Studierende zu wenig lesen, ist ein uralter Topos. In den Schulen lässt sich der Wandel leichter beschreiben: Nach der ersten Pisa-Studie im Jahr 2000 entbrannte eine Diskussion um schulische Kompetenzen. Die fachlichen Inhalte traten in den Hintergrund. Es ist an der Zeit, sich endlich wieder um die Inhalte, um gesichertes Wissen zu kümmern. Das setzt aber voraus, dass Geschichte als Fach erhalten bleibt, nicht fachfremd unterrichtet wird und auch die Stundenzahl nicht, wie in manchen Bundesländern, reduziert wird.

Dirk van Laak: Als Student habe ich in den westdeutschen achtziger Jahren das kritische Hinterfragen von allen vermeintlichen Fakten und von Geschichtsbildern als notwendiges Handwerk erlernt. Dann kam ich 1993 als junger Dozent nach Jena. Dort war es umgekehrt, denn nach dem Ende der DDR wollten die Studenten endlich verbindlich wissen: Wie ist es wirklich gewesen? Ausgerechnet da kamen wir Westdeutschen mit unserer kritischen Geschichtswissenschaft und wollten vermitteln, dass man alles so oder so sehen könne! Eine einschneidende Veränderung seit 1989 sehe ich darin, dass Geschichtsprofessoren in Ost wie West ihre alte Rolle abtreten mussten, nämlich als Vertreter exklusiven Wissens vergangener Zeiten. Durch das Netz und andere Informationsquellen ist viel Wissen leicht zugänglich. Historiker konfrontieren ihre Studierenden heute eher mit Debatten, mit Fragen nach dem Entstehen von Wissen, mit Perspektivenvielfalt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 7 vom 9.2.2017.

ZEIT: Auch an den Schulen soll Geschichte möglichst kontrovers unterrichtet werden. Gelingt das, oder halten sich die Geschichtslehrer bei politischen Debatten zu oft raus?

Jeannette van Laak: Diese komplexen Erwartungen, die Sie formulieren, können Lehrer unmöglich alle erfüllen. Aus meiner eigenen Erfahrung als Schülerin, Studentin, dann als Lehrerin und Dozentin, aber auch als Mutter, weiß ich: Lehrer sind nur überzeugend, wenn sie zeigen, wofür sie brennen und wo sie verletzbar sind. Schüler spüren es, wenn Lehrer eine menschliche Begegnung zulassen können, und sie brauchen diese Begegnungen. Viele haben davor Scheu. Deshalb sollte Lehrer nur werden, wer Schüler begleiten will, wer auch dagegenhalten kann, wenn Schüler provozieren – etwa mit kruden Geschichtsbildern, die sie von der Neuen Rechten aufgeschnappt haben.