Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Berlin. © Christine Oppe

Die Urgroßmama hat eine Familienchronik hinterlassen, meine große Tochter liest darin und staunt, was es da für einen Reichtum gab an Bildung und Lebensart, was da alles gemalt und komponiert und geschrieben wurde für den Hausgebrauch. Unser Urahn Wilhelm Amberg schenkt seiner Enkeltochter 1856 ein selbst gefertigtes Kinderbuch mit Noten unter den Bildern zum Vor- und Mitsingen … "Die haben alles selbst gemacht", sagt die Tochter, "hast du die Chronik mal gelesen?" – "Es sind nur die Erfolgsgeschichten, das ist mir zu einseitig." – "Und was weißt du von der anderen Seite der Chronik, der ungeschriebenen?" – "Ein anderer Urahn war Trinker und hat seine Familie beinahe ruiniert. Wären da nicht die Guttempler gewesen, wer weiß, ob es uns dann gäbe. Es gibt Weichenstellungen in dieser Familiengeschichte, die bis zu uns fortwirken und die in der Chronik nicht vorkommen."

– "Guttempler?" – Guck doch mal ins Internet." – "Sie glauben, dass jeder Mensch einzigartig ist und einen unendlichen Wert besitzt. Und dass Alkohol und andere Drogen eine Bedrohung der Würde und Freiheit … Das klingt so angestaubt." – "Hans Fallada haben sie wahrscheinlich das Leben gerettet. Die Frau, die er bei den Guttemplern kennenlernte, war das 'Lämmchen', das er in seinem ersten Bestseller so zärtlich beschreibt, sie hat ihm Halt gegeben und ihn als Ehefrau durch seine besten Jahre begleitet. Sie hat die Zuständigkeit der Menschen füreinander ernst genommen, ein christliches Prinzip, dessen Wirkungen allgegenwärtig sind, aber in seinen Wirkungen nicht als solches erkennbar. Was wäre ohne 'Lämmchen' aus ihm geworden?" – "Vielleicht hätte er, wenn überhaupt, andere Bücher geschrieben."

– "Vielleicht. 'Jeder stirbt für sich allein' ist erst jetzt ein Weltbestseller. Eine Zumutung für Leser und Autor, die Düsternis der Nazijahre so zu beschreiben: so unaushaltbar genau. Unaushaltbar, gäbe es nicht das Prinzip des Widerstehens, von dessen christlicher Herkunft die beiden Protagonisten in seinem Buch gar nichts wissen. Was ich sagen will: Von dieser Zumutung an Wahrheit ist die Chronik deiner Urgroßmutter allzu weit entfernt. Deshalb mag ich sie nicht. Allzu indirekt wird da die christliche Grundierung miterzählt, die auch in unserer Familie immer ihre Wirkung tat, nicht nur wenn das Familienschiff leckgeschlagen war. Diese Prinzipien, die dir angestaubt klingen … Wehe, wenn es sie für uns nicht gegeben hätte und gäbe." – "Ich verstehe gerade, warum es mir bisher nicht lohnend schien, diese Chronik weiterzuschreiben, über dich und Mama, über uns und unsere Kinder."