In München, lange ist es her, gab es einmal eine Zeitschrift, die sich noch viel vom alten, kernigen, hemdsärmeligen Image des Journalismus versprach. In ihrer Fernsehwerbung zeigte sie einen Chefredakteur, so ein richtiges Tier mit gestreiften Hosenträgern über dem Bauch, der seine geduckt zusammengescharten Redakteure mit der Devise antrieb: "Fakten, Fakten, Fakten! Und immer an den Leser denken!" Das ist heute kaum noch vorstellbar. In unserem postfaktischen Zeitalter geht es bekanntlich nicht mehr um harte Recherche, sondern um gefühlte Wirklichkeit. Und einmal abgesehen davon, dass es schwierig wäre, dreimal hintereinander "gefühlte Wirklichkeit" zu brüllen, dürfte es kaum möglich sein, dabei auch noch an den Leser zu denken. Darauf kommt es aber jetzt erst recht an, beziehungsweise reicht das Denken schon gar nicht mehr, es geht ums Fühlen, ums Nachfühlen und Einfühlen, aber nicht ins eigene Innere des Reporters! Sondern ins Innere des Lesers. Der moderne Reporter muss ein ganz softes Kerlchen sein, das sich bis zur Selbstverleugnung in den emotionalen Eingeweiden des Lesers verliert. Nichts da mit Hosenträgern und Kasernenhofgebrülle! Jetzt hat der Leser die Hosen an und brüllt gegebenenfalls seinerseits die Redaktion zusammen. So ändern sich die Zeiten, das Münchner Magazin hat seine krachlederne Identität verloren und schmiegt sich schmeichelnd wie ein Gelkissen dem Allerwertesten des Publikums an. Man stellt sich ja das Postfaktische immer allzu bequem als eine Lizenz zum Lügen vor, aber auch Lügen strengen an! Sie müssen hinreichend elastisch konstruiert werden, um sich den jeweils neuesten Herausforderungen anpassen zu können. Man nennt es auch lebenslanges Lernen, keine schöne Sache. Wer sich je mit Erwachsenenbildung beschäftigt hat, weiß, wie schnell die Wahrheitsliebe den Menschen verknöchern lässt. Deshalb ändern auch die Universitäten ihre Studiengänge fortwährend, aus Journalismus ist jetzt Medienmanagement geworden, wahrscheinlich so etwas wie das berühmte Facility-Management, das früher zum Diplom als Hausmeister führte. Aber auch die Hausmeister von heute dürfen sich nicht mit der schlecht gelaunten Reparatur von faktischen Rohrbrüchen aufhalten, sondern müssen vor allem der gefühlten Wohnraumdurchnässung etwas entgegensetzen, ganz zu schweigen von der gefühlten Bedrohung durch hohe Mieten. Ohne eine psychotherapeutische Zusatzausbildung dürfte die Beruhigung kaum gelingen. So ändern sich die Berufsbilder.