Morgens, wenn Dschamschid H. erwacht, die Decken abstreift, die gegen die Nachtkälte kaum schützen, wenn die klamme Kleidung ihn frösteln lässt, nimmt er sich vor: An diesem Tag wird er nicht am Feuer sitzen. Denn kaum ist er wach, beginnen die Hustenanfälle, sein Hals, seine Lungen, seine Rippen schmerzen, die Augen tränen. Doch spätestens abends, nachdem H. einige Stunden durch die Straßen von Belgrad gelaufen ist, wenn die Sonne fort und der Frost da ist, kehrt er in die Halle zurück, zieht sich einen Stuhl ans Feuer, in dem Holzreste und Plastik verbrennen, und atmet wieder den giftigen Rauch ein. "Es ist wie eine Sucht. Wenn du nur lange genug gefroren hast, ist es dir egal, ob deine Gesundheit leidet. Dann willst du nur Wärme."

Dschamschid ist 28 Jahre alt, und würde das Leben Träume erfüllen, lebte er schon seit vielen Monaten in den USA. Denn dahin, das hatten ihm die Amerikaner versprochen, wollten sie ihn mitnehmen, wenn sie aus Afghanistan abziehen. In seiner Heimat Kabul hatte Dschamschid als Dolmetscher für sie gearbeitet. Er betrachtete sie als Freunde. Doch dann bestand er den Lügendetektortest nicht, er bekam kein Visum, seine Freunde gingen ohne ihn, und als sie fort waren, kamen die Taliban und sagten, sie würden ihn töten.

"Tja", sagt Dschamschid. Und in diesem Tja liegt all seine Hoffnungslosigkeit. Seit fünf Monaten steckt er fest in Belgrad, der Hauptstadt Serbiens. Ist gestrandet auf einer Flüchtlingsroute, die es offiziell seit knapp einem Jahr nicht mehr gibt. Dabei kommen nach Aussagen von Hilfsorganisationen täglich noch immer einige Hundert Menschen über die Balkanroute.

Auch Dschamschid ist diesen Weg gegangen, 5.500 Kilometer von Kabul, quer durch den Irak, dann Türkei, Griechenland, Mazedonien, bis er schließlich nach Belgrad gelangte. Von dort sind es noch 350 Kilometer bis zur ungarischen Grenze, dem Tor zur Europäischen Union. In Mazedonien wurde er von der Polizei geschnappt. Man habe ihn, erzählt er, erst eingesperrt und dann mit Drohungen davongejagt. "Da gibt es nichts für uns. Kein Essen, keine Hilfe." Aber die Polizisten nahmen seine Fingerabdrücke, nun ist dokumentiert, dass er über Griechenland in die EU einreiste – und er fürchtet, wo immer er nun auch hingeht, dass man ihn nach Griechenland zurückschicken wird. "Tja", sagt Dschamschid, "das war es dann wohl für mich. Ich kann nicht weiter, ich kann nicht zurück."

Rund 2.050 junge Männer vorwiegend aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und Eritrea leben in leeren Lagerhallen gegenüber dem Belgrader Bahnhof. Lang gestreckte Gebäude sind das, der Wind pfeift durch die leeren Fensteröffnungen, innen ist es dunkel, feucht und muffig. Wie Aussätzige hausen sie dort, ohne Toiletten und ohne Duschen, tragen tagtäglich dieselbe Kleidung. Krätze haben sie, Läuse – und Atemwegsinfektionen von dem Rauch und der Kälte.

Draußen im Schnee liegt ein Schild. "Open Border". Offene Grenze, dieselbe Parole ist an viele Häuserwände in Belgrad gesprüht. "Please help" steht oft daneben. Eine Bitte – oder ist es eine Forderung –, die keine Erfüllung findet. Die Grenze, die geöffnet werden soll, die zwischen Serbien und Ungarn, hat sich gerade weiter geschlossen. Nur fünf Flüchtlinge pro Tag will Ungarn fortan ins Land lassen. Zwanzig waren es noch vor einigen Wochen, dann zehn. "Und bald gar keine mehr", vermutet Gordan Panović.

Panović ist Mitbegründer von Info Park, einer lokalen Hilfsorganisation in Belgrad, deren Ziel es noch im vergangenen Sommer war, die ankommenden Flüchtlinge über eine Weiterreise oder die Möglichkeiten, in Serbien zu bleiben, zu informieren. Weil die Balkanroute da als geschlossen galt, hatten viele Hilfsorganisationen ihre Sachen gepackt, und weil auch die serbische Regierung nicht in Flüchtlingshilfe investierte, sprang die Bevölkerung ein, spendete Kleidung, Decken, Lebensmittel. Hunderte von freiwilligen Helfern versuchten, das Elend zu mildern.

Dass die Hilfsbedürftigkeit groß werden würde, habe er geahnt, aber nicht in diesem Ausmaß, sagt Panović. "Die Balkanroute ist nie versiegt, es wurde nur politisch so getan." Offiziell heißt es, 7.500 bis 8.000 Flüchtlinge säßen in Serbien fest. "Die tatsächliche Zahl ist aber viel höher, wir gehen von 10.000 aus. Und im Frühjahr wird sich die Zahl wohl verdoppeln."

Als der Winter kam, musste Info Park seinen Aufgabenbereich erweitern und Lebensmittel und Kleidung verteilen. "Eigentlich ist das Aufgabe des UNHCR (Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen), aber das hat wohl geschlafen." Die Hilfsaktion verärgerte die Stadtverwaltung, die der Organisation verbot, im Park neben dem Bahnhof, wo sich die Flüchtlinge tagsüber aufhalten, weiter aktiv zu sein. "Die haben gedacht, wenn die Leute hungern und frieren, hauen sie schon von selbst wieder ab."