Geht das jetzt schon wieder los? An den Finanzmärkten werden griechische Staatsanleihen zu Ramschpreisen angeboten, und die griechischen Bürger versuchen fieberhaft, ihre Ersparnisse in Sicherheit zu bringen. Erst vor zwei Jahren konnte der Austritt Griechenlands aus der Währungsunion in letzter Minute abgewendet werden – und nun?

Klar ist: Im Juli brauchen die Griechen einen hohen einstelligen Milliardenbetrag, um dann fällig werdende Schulden zu begleichen. Weil das Land selbst so viel Geld nicht aufbringen kann, ist es auf Hilfe von außen angewiesen – sonst droht die Pleite und damit der Grexit.

Alles andere ist weniger klar. Denn Geld ist eigentlich genug da. Die Europäer haben vor zwei Jahren ein neues Rettungsprogramm beschlossen, das den Staatsbankrott verhindern soll. Derzeit sind die Mittel aber blockiert, weil Griechenland die vereinbarten Reformen nicht umsetzt.

So weit, so bekannt. Doch die Geschichte ist an dieser Stelle noch nicht zu Ende. Denn der Streit zwischen den Griechen und ihren Geldgebern wird überlagert von einem Streit der Geldgeber untereinander. Die Europäer haben – auf Wunsch Deutschlands – vergleichsweise harte Sparauflagen durchgesetzt. Ab dem kommenden Jahr muss Griechenland einen Haushaltsüberschuss vor Zinszahlungen von mindestens dreieinhalb Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung erzielen.

Aus Sicht des ebenfalls beteiligten Internationalen Währungsfonds (IWF) kann das geschundene Land das aber nicht leisten, weshalb er für ein weniger ambitioniertes Ziel – eineinhalb Prozent – plädiert. Das wiederum bedeutet, dass die griechische Schuldenlast weniger schnell zurückgeht und der Währungsfonds dem Land nur frisches Geld leihen darf, wenn den Griechen ein Teil der Schulden erlassen wird. Einen solchen Schuldenschnitt jedoch hat Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble zumindest für die nahe Zukunft ausgeschlossen, weshalb sich Christine Lagarde, die Chefin des IWF, seit Monaten weigert, neue Kredite zu genehmigen.

Das wäre alles nicht weiter tragisch – denn Geld ist auch ohne Beteiligung des IWF genug da –, wenn Schäuble nicht versprochen hätte, dass der Währungsfonds sich weiter an den Kosten der Griechenlandrettung beteiligt. Und weil Schäuble ein harter Hund ist, hat er damit gedroht, dass das laufende Programm seine Rechtsgrundlage verliere, wenn sich der IWF zurückziehe. Der Bundestag müsse deshalb über ein neues verhandeln, was im Wahljahr für alle Beteiligten kein Vergnügen werde.

Das ist zumindest umstritten, denn der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags kommt in einem neuen Gutachten zu dem Ergebnis, dass ein Ausstieg des IWF keineswegs zwingend eine erneute Abstimmung nach sich ziehen müsse. Mit anderen Worten: Schäuble hat eine Drohkulisse aufgebaut, um sowohl den Währungsfonds als auch die Griechen auf Linie zu bringen.

Das sind die Hauptkonfliktlinien dieser Auseinandersetzung, es gibt aber auch noch wichtige Nebenlinien. In Deutschland treten sie vor allem durch den Aufstieg von Martin Schulz hervor. Die Sozialdemokraten haben sich auf die Seite des IWF geschlagen – und seit sie in den Umfragen zulegen, bekommt ihr Standpunkt Gewicht. In Griechenland ist Regierungschef Alexis Tsipras innenpolitisch unter Druck, weshalb er dringend einen Erfolg in den Verhandlungen braucht. Und beim IWF ist nach dem Wahlsieg von Donald Trump die Verunsicherung groß, weil die USA über eine Sperrminorität in den Gremien des Fonds verfügen und deshalb jede Entscheidung blockieren können.

Wie die Sache ausgeht? Wahrscheinlich mit einem Kompromiss. Die Griechen werden ein wenig mehr sparen, die Deutschen werden Schuldenerleichterungen zu einem späteren Zeitpunkt in Aussicht stellen, und der IWF wird sich mit einem kleinen Betrag an der Rettung beteiligen. Das ist für alle Beteiligten die am wenigsten kostspielige Lösung.

Für Angela Merkel wäre ein Austritt Griechenlands aus dem Euro eine schwere Niederlage. Ihr wichtigstes außenpolitisches Ziel ist es, die EU nach dem Brexit zusammenzuhalten – zumal Griechenland nach dem Grexit zum Spielball russischer oder amerikanischer Interessen werden könnte. Und Schäuble ist zwar stur, aber in erster Linie loyal. Tsipras wiederum weiß, dass eine große Mehrheit der Griechen den Euro behalten will. Lagarde hat in der Vergangenheit wiederholt bewiesen, dass sie bereit ist, Vorschriften flexibel auszulegen – und Donald Trump hat im Moment andere Sorgen als die griechischen Staatsschulden.

So stehen die Chancen nicht schlecht, dass die Griechen wieder einmal in letzter Minute vor dem Bankrott gerettet werden. Ob das für das Land selbst die beste Lösung ist, ist eine andere Frage.