"Ich will mein Gesicht durchhalten!" Dieser abgründige Satz stammt von der Schauspielerin Inge Keller. Er klingt ein wenig so, als sei ein Gesicht wie ihres auch eine Verpflichtung, welche der Mensch, der sich dahinter verbirgt, kaum einlösen kann. Wie hält man ein Gesicht durch?

Inge Keller, geboren als Tochter eines Unternehmers im reichen Berliner Westen, berühmt geworden im sozialistischen Berliner Osten, war eine der schönsten Schauspielerinnen Deutschlands. Als den Vamp der DDR bezeichnete sie Wolfgang Langhoff, ihr Intendant am Deutschen Theater Berlin, jenem Haus, das damals die bedeutendste Bühne des Ostens war. Langhoffs Sohn Thomas, der später, nach dem Fall der Mauer, das Deutsche Theater leitete, erhob Inge Keller sogar zur "Ost-Sexbombe".

Die eher äußerlichen Wirkungen, von denen die Intendanten da sprachen, waren Inge Keller natürlich bewusst, ihre Folgen gingen ihr aber wohl auch auf die Nerven: nämlich die Unfreiheit und Befangenheit, die Schönheit auf ihre Umgebung ausübt.

So arbeitete sie früh daran, dass Schönheit nicht die vorherrschende Sensation war, die von ihr ausging, sondern dass etwas anderes tiefer und einschüchternder wirkte: die Intelligenz ihres Spiels.

Ihr Gesicht war schmal, beinahe hager, es kündete von Entbehrungen, die sich diese aristokratisch strenge Frau, auch bekannt als "diensthabende Gräfin der DDR" (ein Inge-Keller-Zitat), aus eigenem Willen auferlegte: Es war ein sogenanntes gut geschnittenes Gesicht, und die Frau, die es trug, schien es sich aus den Spuren gewollter Entbehrungen, mühsamer, aber unangefochtener Triumphe der Selbstachtung zurechtgeschnitten zu haben. Ab 40 ist jeder für sein Gesicht verantwortlich? Diese Frau jedenfalls, so war klar, hatte sich nie "gehen", nie entmündigen lassen. Vermutlich prüfte sie jeden Morgen, stets unzufrieden, im Spiegel den Sitz ihres Gesichtes.

Die existenzielle Unzufriedenheit muss ihr Wesen ausgemacht haben. Wer mit ihr gearbeitet hat, berichtet von ihrem Perfektionsdrang, viele litten unter ihrer Ungeduld, alle rühmen die handwerkliche Sicherheit, das Gutvorbereitete ihres Spiels. In Zweifel zog sie keiner – das erledigte sie selbst.

Zwar litt sie daran, dass sie so wenig komische Rollen zu spielen bekam, jedoch: Als stolpernde, überrumpelte Frau war sie schwer vorstellbar. Selbstbeherrschung war ein wichtiger Wesenszug, das bedeutete für ihr Spiel: Textbeherrschung. Sie unterwarf sich dem Text wie einem Befehl, an dem, für zwei Bühnenstunden, ihr Leben hing. Weil sie besser, schärfer, genauer sprach, war sie so etwas wie die natürliche Herrscherin auf jeder Bühne.

Sie sei unfähig gewesen, anderen etwas nachzumachen, sagte sie einmal. Deshalb habe sie nie gelernt, öffentlich zu singen – dazu hätte sie nämlich einen Gesangslehrer nachmachen müssen. Das "Nachmachen" fremden Lebens, das Spielen einer Rolle, war etwas anderes: Das war durch genaues Lesen des Textes zu legitimieren. "Der Genuss eines Kommas", sagte Inge Keller, "die Überraschung eines Doppelpunkts, das Atemholen eines Gedankenstrichs, das sind Erlebnisse, die weitergegeben werden müssen. Man soll als Schauspieler nie klüger sein als das Komma oder der Doppelpunkt oder der Gedankenstrich."