Gute Nachrichten aus den USA: Beyoncé Knowles ist schwanger, der größte Popstar unserer Zeit. Sie erwartet Zwillinge. Und wie jene anderen Nachrichten, die in diesen Tagen den Atlantik überqueren, die schlechten, die apokalyptischen, begleitet auch diese Botschaft etwas Biblisches. Beyoncé hätte die Neuigkeit über ihre Sprecherin verbreiten lassen können, ein paar Zeilen. Aber sie ist der größte Popstar unserer Zeit.

Und so verkündet Beyoncé ihre Schwangerschaft auf Instagram mit einem inszenierten Foto, das an ein Heiligenbild erinnert. Als stünde sie davor, uns einen Messias zu schenken. Oder gleich zwei. Und darunter schreibt sie nicht etwa: "Hey Leute, wir erwarten Zwillinge und sind überglücklich." Nein, sie schreibt: "Wir möchten unsere Liebe und Freude mit euch teilen. Wir wurden zweifach gesegnet." Das vorneweg: Es ist das erfolgreichste Bild, seit es Instagram gibt. Fast zehn Millionen Menschen haben es bisher gelikt. Schon deshalb wird es in die Geschichte der Popkultur eingehen. Schon deshalb sollte man es gesehen haben.

Von diesem Bild geht eine seltsame Kraft aus. Es ist nicht nur gut, was der Betrachter fühlt. Es ist auch ein bisschen bedrückend. Als gebe es eine zweite Ebene, die es zu entschlüsseln gilt. Wie in den Selbstporträts von Frida Kahlo; der leidenschaftlichen, leidenden Malerin aus Mexiko. Was ist das Leid der Beyoncé Knowles? Eine Ehe, deren Bestand öffentlich angezweifelt wird? Die Melancholie des liberalen Amerikas? Dieses Bild flüstert.

Der Himmel ist blau. Es könnte der Himmel einer Fototapete sein oder der in Houston, Texas. Der Geburtsstadt von Beyoncé Knowles. Man kennt diesen Himmel aus Filmen: trockener Boden, ein Windrad dreht sich am Ölförderturm. Darüber die blassblaue Ewigkeit. Es ist jene Art von Stille, die einen vermuten lässt, dass gleich etwas passiert. Im Zentrum kniet Beyoncé vor einem Kranz aus Rosen und Farn. Was ist das für ein Gesteck? Es würde auf einem Ehrengrab nicht auffallen oder an Thanksgiving vor dem Altar. Auf den zweiten Blick erinnert es an einen Márquez-Roman, an jene tropische Fruchtbarkeit, an diese nasse Hitze, durch die seine Figuren andauernd ihrem Schicksal entgegengehen. Je länger man guckt, desto mehr vermisst man eine Schlange.

Ein Rätsel ist der Schleier. Er bewegt sich unverortbar zwischen einem Hochzeits- und einem Trauerschleier. Er ist nicht weiß, er ist nicht schwarz. Er ist lindgrün. Leichter zu lesen ist die Haltung des rechten Arms. Die Hand am runden Bauch, stützend, knapp oberhalb der Scham: wie Demi Moore, die sich 1991 schwanger für Vanity Fair fotografieren ließ. Moore begründete damit das Genre des modern maternity portrait . Ein Genre, in dem sich später Taylor Swift, Alicia Keys und Anne Hathaway betätigten und das mit der knienden Beyoncé seinen vorläufigen Höhepunkt findet. Sie hat mit diesem Bild ein Kunstwerk geschaffen, es ist das Zeugnis genialer Selbstinszenierung. So könnte man es sagen. Es gibt aber noch eine andere Lesart.

Als Beyoncé vor sechs Jahren mit ihrem ersten Kind schwanger war, unterstellten ihr nicht wenige, sie täusche ihre Schwangerschaft nur vor, sie habe sich eine Bauchprothese umgeschnallt und lasse ihr Kind in Wahrheit von einer Leihmutter austragen. Sogenannte Experten analysierten Fernsehbilder, als zerlegten sie einen Touchdown beim Super-Bowl. Standbild, Zeitlupe. Vor und zurück. Fällt ihr Bauch nicht seltsam ein, wenn sie sich setzt? Und es waren nicht nur Klatschblätter, die spekulierten. Es waren auch ABC News und ein Blog der Washington Post . Beyoncés Schwangerschaft wurde zum Gegenstand kollektiver Detektivarbeit. Und sie war plötzlich in der Beweispflicht. Sie wurde gejagt, wie so viele vor ihr.

Es ist sicher nicht lustig, prominent und schwanger zu sein. Wie es auch sicher nicht lustig ist, prominent und nicht schwanger zu sein, obwohl man eigentlich schwanger sein könnte. Immerzu wird auf den Bauch gestarrt, jede Erhebung vermessen, diskutiert und angezweifelt. "Wölbt sich da etwas?", fragen deutsche Klatschblätter mit Vorliebe. Man muss diese Frage mal googeln, Hunderte Ergebnisse, es ist absurd. Und wenn die zu Inspizierende mal etwas Weites trägt, dann wird spekuliert, was sie "zu verstecken" hat. Dieses Mal macht Beyoncé Knowles den ersten Schritt, sie hat sich für Vorwärtsverteidigung entschieden.

Da habt ihr euren Bauch! Mit Blumengesteck! Und Schleier! Vor blauem Himmel! Und jetzt lasst mich in Frieden.

Dieses Bild flüstert nicht, es schreit.