Jehuda Bacon, der israelische Künstler und KZ-Überlebende, prominenter Zeuge der Jerusalemer und Frankfurter Auschwitz-Prozesse, hat mit dem Kölner Psychiater und Psychologen Manfred Lütz ein Gespräch geführt, das jetzt als Buch vorliegt und in gewisser Hinsicht noch erschütternder ist als die berühmten Zeugnisse, die wir von Imre Kertész, Primo Levi und anderen kennen. Diese haben stets von dem großen Bruch gekündet, der Kultur, der Religion, der Menschenwürde – der Zivilisation. Bacon hält dagegen, was er durch Auschwitz nicht gebrochen sieht: den Glauben an Gott. Wie das? Ist die Schoah nicht die größte Anklage gegen Gott überhaupt? Tatsächlich antwortet der 87-Jährige auf die Frage, wo Gott in Auschwitz gewesen sei, mit dem irritierenden Zitat eines Rabbiners: "Gott ist da, wo man ihn hereinlässt." Nicht der Kulturbruch, sondern die Versuchung zur Rache sei die bleibende Herausforderung des Holocausts: "Wenn ich jetzt auch hasse, dann hätte Hitler gesiegt, weil er mich dann zum Unmenschen gemacht hat." Mit den Worten des Philosophen René Girard ließe sich sagen, Bacon fürchtet die "mimetische Konkurrenz", die Infektion, die Nachahmung der Täter. Die rettende Haltung, die Bacon gegenüber dem Bösen empfiehlt, besteht nicht in der Anklage, auch nicht in einem besonderen Umgang mit dem Leid und dem Leiden, sondern allein darin, nicht selbst dem Bösen zu verfallen – die Nähe zu Gott zu suchen, gerade dort, wo sich alle von Gott abgewandt haben. Denn Wurzel und Ausgang allen Bösen ist für ihn die Entfernung von Gott. Dieses Buch ist ein großes Zeugnis, auch wenn es vielen nicht gefallen wird. Aber dass sein Glaube Jehuda Bacon vor der Bitterkeit beschützt hat, muss jeden bewegen.

Jehuda Bacon/Manfred Lütz: "Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden." Leben nach Auschwitz; Gütersloher Verlagshaus 2016; 192 S., 16,99 €, als E-Book 13,99 €