Wie anstrengend es sein kann, das Ende einer Amtszeit. Von außen betrachtend denkt man, das läuft eben jetzt so aus. Erst die kluge Entscheidung, nicht noch einmal anzutreten, dann eine Art sanfter Abwicklung, in der es sich der Scheidende schon einmal erlauben darf, einen entspannten Blick zurückzuwerfen auf die Jahre im Amt.

Aber so ist es nicht. Je näher das Datum rückt, desto weniger Zeit bleibt, um alles unterzubringen, was noch unbedingt sein muss: letzte Staatsbesuche, letzte Ehrungen, letzte Reden. Dabei ist klar, dass ein gelungener Abgang sich nicht aus der Summe der Verpflichtungen ergibt, die in den verbleibenden Wochen noch zu absolvieren sind.

Das ist der Stress des Abschieds. Er ist Joachim Gauck anzumerken, als er Mitte Januar das Besuchszimmer im Schloss Bellevue betritt. Wie zu früheren Gelegenheiten hat er ein paar freundliche Sätze für sein Gegenüber parat, bemüht er sich, so ungezwungen und einnehmend zu sein, wie man es von ihm gekannt hat in den vergangenen Jahren. Aber diesmal liegt unter dem präsidialen Charme die Anspannung, ein Anflug von Hektik, der sich auch im Gespräch nicht ganz auflöst.

Was der Bundespräsident in diesen Wochen erlebt, ist eben nicht nur der normale Stress des Abschieds. Eher ist es der Stress, nicht recht Abschied nehmen zu können. "Die liberale Demokratie und das Projekt des Westens stehen unter Beschuss", so hat er es wenige Tage zuvor in seiner letzten großen Rede im Amt formuliert. Kein guter Zeitpunkt, um zu gehen.

Dabei hatte alles so großartig begonnen. Optimistisch, fröhlich und irgendwie selbstgewiss hatte Gauck am 23. März 2012 im Reichstag an das Land erinnert, dem in seiner jüngeren Geschichte auf wunderbare Weise Großes gelungen war. Die Deutschen hatten sich den Schrecken ihrer Vergangenheit gestellt, hatten nicht nur ein "Wirtschaftswunder", sondern auch ein "Demokratiewunder" erlebt, hatten sich als fähig erwiesen zu sozialem Ausgleich, Toleranz und Weltoffenheit.

Das Einzige, was den Deutschen zu ihrem Glück vielleicht noch fehlte, war, es anerkennen zu können. So sah es der neue Präsident. Mit seiner Begeisterung für die Deutschen wollte er die Deutschen anstecken. Das wurde zur Leitmelodie. Jetzt, im Rückblick, erinnert er sich daran, dass er in dieser Zeit zum ersten Mal das "missdeutbare" Wort "Stolz" in den Mund genommen hatte. Stolz auf das Land und die Deutschen.

Das neue positive Selbstgefühl war nicht als Selbstzweck gedacht. Eher sollte daraus eine Art emotionales Basiscamp für kommende Herausforderungen werden. Die Deutschen sollten ihre Potenziale erkennen und den Mut finden, sich neuen Aufgaben zu stellen.

Wie ernst – und wie politisch – er das meinte, hat Gauck dann mit seiner Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2014 deutlich gemacht. Ein Land, das so globalisiert sei wie die Bundesrepublik, das so sehr von einer offenen Weltordnung profitiere, müsse sich künftig stärker für die Erhaltung und den Ausbau dieser Ordnung einsetzen, forderte er. Deutschland solle sich "als ein guter Partner früher, entschiedener und substanzieller einbringen".