Wenn ich das Wort "Jugend" höre, denke ich an das vergangene Jahrhundert. Jugendzentrum, Jugendherberge, Bundesjugendspiele, Jugend musiziert: Das meiste, was mir spontan einfällt, gab es schon vor zwanzig Jahren. Heute, im 21. Jahrhundert, gibt es nur wenig neue Orte oder Freizeitangebote speziell für Jugendliche, stattdessen wollen alle jugendlich sein.

Fünfzigjährige kommen in Hoodies zur Arbeit, Großväter hören die gleiche Musik wie ihre Enkel, und selbst Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen leiht sich regelmäßig Jacken bei ihren fast erwachsenen Töchtern. Manchmal tun mir die Teenager leid deswegen. Vertreter ihrer Generation haben nicht viel mehr als die Anti-Pickel-Creme im Badezimmer für sich allein.

Auch die meisten Politiker interessieren sich eher nicht für sie. Manuela Schwesig, die zuständige Bundesministerin, beschäftigt sich lieber mit Familien- oder Gleichstellungspolitik, genau wie die meisten Fachpolitiker. Und die Bürgermeister und Stadträte haben in vielen Orten Ferienprogramme oder Freizeitangebote für Jugendliche gestrichen, weil sie jeden Euro für den gesetzlich vorgeschriebenen Ausbau der Kinderbetreuung brauchten. Sie bindet viel Geld und Personal, allein in Kitas arbeiten heute 555 000 Menschen, nicht viel weniger als in der Automobilindustrie mit ihren 750 000 Beschäftigten. Das Fehlen von Jugendpolitik ist auch ein Kollateralschaden der steigenden Erwerbstätigkeit von Frauen.

Schon 16-Jährige fühlen sich unter Druck, die eigene Biografie zu optimieren

Aber auch Wissenschaftler, Pädagogen, Künstler und Medienvertreter haben sich in den vergangenen Jahren mehr für Kinder als für Jugendliche interessiert. Wenn über Kinderarmut debattiert wird, sind immer Bilder von niedlichen Kleinkindern zu sehen. Dabei leiden Zwölf- oder Vierzehnjährige oft sogar mehr als ihre jüngeren Geschwister, wenn Geld für die neuen Turnschuhe oder das eigene Handy fehlt.

Im gerade erschienenen 15. Kinder- und Jugendbericht ist deshalb sogar, etwas umständlich formuliert, vom "Verschwinden der Jugend" die Rede. Es fehle ein "weithin geteiltes Verständnis von Jugend und eine kohärente politische Gestaltung des Jugendalters". Junge Menschen werden nach Ansicht der verantwortlichen Wissenschaftler in der Öffentlichkeit vor allem als "Gestalter ihrer Ausbildungskarrieren" wahrgenommen. Schon Teenager spürten einen "Druck zur biografischen Selbstoptimierung".

Dabei gäbe es viele Gründe, neu zu definieren, was genau Jugend heute eigentlich ist. Einerseits werden Jugendliche heute viel früher reif als vor zwanzig Jahren. Sie haben früher Sex, die körperliche Entwicklung verläuft schneller als in der Elterngeneration. Auch die Zahl krimineller Kinder und Jugendlicher steigt.

Gleichzeitig werden sie viel mehr behütet. Mit 15 allein quer durch Deutschland trampen – das war mal normal. Heute gelten Eltern, die so etwas erlauben, als verantwortungslos. Vieles, was üblicherweise zum Leben von Erwachsenen gehört, kommt heute viel später im Leben als in früheren Zeiten: die erste eigene Wohnung, die Gründung einer Familie, der erste feste Job.

Heute ist es oft weniger eine Frage der Persönlichkeit als des Familieneinkommens, wie schnell Jugendliche flügge werden. Von Flüchtlingen wird erwartet, dass sie mit spätestens 18 Jahren allein ohne Sonderbetreuung zurechtkommen. Deutsche Akademikerkinder können oft sogar nach dem Ende ihrer Ausbildung noch ins Hotel Mama flüchten oder auch darauf vertrauen, dass die Eltern selbst Zweit- und Drittstudium klaglos finanzieren.

Über alte Menschen wird häufig gesagt, dass ihre Gesundheit und Leistungsfähigkeit immer weniger mit dem Geburtsdatum zusammenhingen. Die Vielfalt innerhalb der Generationen werde größer. Das Gleiche gilt nach Ansicht der Autoren des Kinder- und Jugendberichts auch für die Jugendlichen. Welche Reife und Kenntnisse beispielsweise ein 16-Jähriger habe, sei schwerer zu verallgemeinern als früher. Das macht Jugendpolitik komplizierter.