Weit ist es von Wittenberg nach Rom, von Luther zum Papst eigentlich nicht. Nur eine Stunde Fußweg oder 15 Minuten Autofahrt liegen zwischen dem Petersdom und der nächsten evangelisch-lutherischen Kirche. Man kennt sich. Der Pfarrer der Christuskirche wird regelmäßig in den Vatikan eingeladen. Umgekehrt besuchte schon Papst Johannes Paul II. im Lutherjahr 1983 die Gemeinde, Benedikt XVI. kam 2010 und Franziskus 2015.

Der amtierende Papst war von dem aus Hamburg stammenden Pfarrer Jens Martin Kruse eingeladen worden. Es gab gemeinsame Andacht, Austausch von Geschenken, Kaffee, Kuchen. Kruse liest stets die Ökumene-Texte von Bergoglio, Bergoglio gelegentlich die von Kruse. So war es nicht erstaunlich, dass die beiden einander am vergangenen Montag – beim großen, schwierigen, lange vorbereiteten offiziellen Besuch der deutschen Protestanten im Vatikan – freundschaftlich begrüßten.

Papst zum Pfarrer: Wie geht es Ihrem Sohn Julius? (Das Kind des Pfarrers hatte den Papst beim Gemeindebesuch mit der Frage überrascht, ob ihm sein Job Spaß mache.)

Pfarrer zum Papst: Danke, danke. Freut mich übrigens, dass Sie schon bei den Lutheranern in Schweden waren. Und dass sie den Reformator so positiv sehen. Liebe Grüße von der Gemeinde!

So nett kann es zugehen, wenn zwei Pastoren der einst tödlich verfeindeten Konfessionen sich heute auf dem kurzen Dienstweg begegnen. Herzlich umarmte Franziskus am Montag mit Worten auch den prominenten Rest der deutschen Delegation, voran Bischof Heinrich Bedford-Strohm, den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Ihm machte Bergoglio gleich das außerprotokollarische Kompliment, er sei "ein Mann mit Feuer im Herzen". Man merkte, die beiden mögen sich. Unbefangen begrüßte Franziskus die kirchenleitenden Damen, etwa die stellvertretende Ratsvorsitzende Annette Kurschus, die Auslandsbischöfin Petra Bosse-Huber nebst weiteren Bischöfen und hochrangigen Laien. Als sei alle Kirchenfeindschaft von vorgestern. Lauter frohe Gesichter im Apostolischen Palast. Zweiter Stock, eine Etage unter der alten Papstwohnung, die von Franziskus nicht bewohnt und deshalb für Meetings genutzt wird. Eine Korridorflucht mit uralten Fresken, die prächtige Sala Clementina, dann die Bibliothek für Audienzen.

Der Papst zur EKD: "Was die Reformatoren beseelte, war der Wunsch, den Weg zu Christus zu weisen. Dass ihr Ruf nach Erneuerung auch Trennungen unter den Christen bewirkte, war tragisch."

Der Ratsvorsitzende zum Papst: "Unsere Verbundenheit gründet in der Sehnsucht nach einem neuen Herz und einem neuen Geist. Barmherzigkeit, das Leitmotiv Ihres Pontifikats, ist für uns mit der Gnade verbunden – sie treibt uns an, der Vergebung und der Güte weiten Raum zu geben."