Das Tückische ist, dass eine Erkältung in den allermeisten Fällen tatsächlich harmlos ist. So stellt sich die Sache jedenfalls aus Sicht der Allgemeinmedizinerin Nicole Kuth dar. "Mehr als 90 Prozent der Patienten, die mit Erkältungssymptomen wie Halsschmerzen und laufender Nase zu mir kommen, haben ein harmloses Virus, das mit etwas Ruhe und viel Trinken wieder verschwindet", sagt Kuth, die an der Uni-Klinik Aachen den Fachbereich Allgemeinmedizin leitet. "Die Herausforderung für uns Ärzte besteht darin, unter den Erkältungspatienten die zu identifizieren, hinter deren Symptomen sich mehr versteckt und die wir unbedingt behandeln müssen."

Natürlich würde es sich anbieten, an dieser Stelle einen typischen Fall heranzuziehen. Die 45-jährige Managerin beispielsweise, die seit zwei Wochen Husten und Halsschmerzen hat. Aber nein: Dieses Mal sollen keine Patienten als Beispiele herhalten. Wir bleiben bei Nicole Kuth. Und betrachten das allgegenwärtige Thema Erkältung einmal aus der Perspektive der diagnostizierenden Ärztin. Denn so lassen sich nicht nur Atemwegsinfekte besser verstehen, sondern auch die Erkrankungen, die bloß so aussehen wie eine Erkältung. "Ich sehe den Körper meiner Patienten erst einmal nur von außen. Aber ich kann auf Hinweise achten, was innen vor sich geht, und es gibt ein paar Fenster, in die ich hineinspähen kann", sagt Kuth. Mit anderen Worten: Jeder Patient ist für die Ärztin eine kleine Detektivgeschichte.

1. Der erste Eindruck

Und diese Geschichte beginnt in dem Moment, wenn sie den Patienten aus dem Wartezimmer abholt und ins Behandlungszimmer führt. Auf den wenigen Metern verschafft sie sich einen ersten Eindruck: Wie läuft der Patient, wie sind seine Gesichtszüge, wirkt er abgeschlagen oder angestrengt? Oft bestätigen sich ihre Beobachtungen dann im sogenannten Anamnesegespräch, in dem sie sich die aktuellen Beschwerden schildern lässt. Vor allem in dieser kalten Jahreszeit deutet bei den meisten Patienten dann schon alles auf das Gesamtpaket "grippaler Infekt" hin: seit ein paar Tagen Halskratzen, vielleicht etwas Kopfweh. Dazu subfebrile Temperaturen, also eine leicht erhöhte Körpertemperatur zwischen 37,5 und 38 Grad Celsius – dann steht die Diagnose schon fast fest. "Der grippale Infekt ist ein Virusinfekt, der oft auch als Erkältung bezeichnet wird", sagt Kuth. "Dabei kann ich letztlich nur die Symptome behandeln, indem ich zum Beispiel ein Arzneimittel empfehle, das den Schleim löst. Ansonsten hilft nur viel trinken und möglichst viel Erholung und Schlaf." Damit soll der Patient seinem Körper die nötige Ruhepause verschaffen, um sich selbst zu heilen.

2. Der große Lauschangriff

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Doch nicht immer beschränken sich die Auswirkungen eines Virusinfekts auf Halsschmerzen und eine laufende Nase. Vor allem wenn ein Patient zusätzlich hustet, horcht Kuth immer auch die Lunge ab. Mit ihrem Stethoskop kann sie unter anderem hören, ob die luftleitenden Röhren der Lunge, die Bronchien, verengt sind oder mit Schleim verlegt – dann hört sie mit ihrem Stethoskop eine Art Pfeifen oder Rasseln in der Lunge. Ist dies der Fall, liegt höchstwahrscheinlich eine Entzündung der Atemwege vor, eine akute Bronchitis. Das deutlichste Anzeichen dieser Erkrankung ist der "produktive" Husten, das bedeutet: Husten mit Auswurf. Vor allem die eigenen Immunzellen sammeln sich bei der akuten Bronchitis in den Bronchien an, um den Körper zu schützen. Als Nebeneffekt schwillt die Schleimhaut an, die Luftwege werden eng. Wie auch bei der Halsentzündung stecken dahinter in den meisten Fällen Viren, keine Bakterien. Deswegen nützt die Einnahme von Antibiotika bei Erkältungen nur selten: Antibiotika helfen gut gegen bakterielle Infektionen, sind gegen Viruserkrankungen aber wirkungslos.

3. Lungenentzündung ausschließen

Anders verhält es sich bei der Lungenentzündung oder Pneumonie, einer ernsten Erkrankung. Sie kann sich zwar aus einer viralen Bronchitis entwickeln, wenn die Infektion von den Luftwegen auf das Lungengewebe übergreift. Typische Erreger der Lungenentzündung sind aber Bakterien. Vor allem für Kleinkinder und ältere Menschen können solche bakteriellen Pneumonien lebensgefährlich sein, sie müssen deshalb unverzüglich mit einem Antibiotikum behandelt werden. Wenn ein Patient trocken hustet, hohes Fieber entwickelt, schwer krank wirkt und womöglich sogar Atemnot hat, läuten bei Kuth alle Alarmglocken. Mit dem Stethoskop hört sie dann manchmal ein etwas feineres, helleres Rasseln über einem Teil der Lunge.

Um ihren Verdacht auf eine Pneumonie zu erhärten, nimmt die Ärztin eine Blutprobe. Darin ist bei bakteriellen Infektionen das sogenannte C-Reaktive Protein, kurz CRP, stark erhöht. Zwar kann das Immunsystem auch irgendwo anders im Körper mit einer bakteriellen Entzündung ringen. Wenn es Anhaltspunkte für eine schwerwiegende Erkrankung wie eine Pneumonie gibt, veranlasst Kuth aber noch weitere Diagnostik. So kann ein Röntgenbild die Vermutung bestätigen.

4. Mund auf und "Aaah" sagen

Zurück zum Abhören der Lunge. Wenn die Untersuchung mit dem Stethoskop unauffällig war – keine Bronchitis, keine Pneumonie –, dann ist da noch ein anderes Fenster, durch das Kuth niemals zu schauen versäumt: der Mund. Ist der Rachenraum gleichmäßig gerötet und geschwollen, spricht das für eine sogenannte Pharyngitis, die in den meisten Fällen von Viren ausgelöst wird. Kuth inspiziert auch die Mandeln. Das sind im Gaumen und Rachen gelegene Wachstationen des Immunsystems, die Mediziner als Tonsillen bezeichnen. Sind die Mandeln an mehreren Stellen weiß oder gelblich belegt, spricht das für eine bakterielle Mandelentzündung oder, wie Kuth es nennt: eine Tonsillitis. Mit einem Wattestäbchen macht sie dann einen Rachenabstrich. Mit diesem kann sie per Schnelltest mögliche Bakterienspuren nachweisen. Bestätigt sich ihr Verdacht, verschreibt sie ein Antibiotikum, meist Penicillin.