Ein Dienstagmittag auf Ikoyi, einer Insel in der Lagune von Lagos, Nigeria: Ein Mann rennt über eine Straße. Seine Kleider sind zerschlissen, sein Blick ist verängstigt. In der Hand hat er ein Stück Brot, gestohlen hier ganz in der Nähe. Fast wird er von einem frisch polierten Mercedes erfasst, dann schafft er es doch noch auf die andere Straßenseite. Er springt über einen Bretterzaun, um in einer Bauruine in Ruhe sein Diebesgut zu verzehren.

Lagos ist so groß, dass Himmel und Hölle darin Platz finden. So sagt man in Nigeria. Tatsächlich ist der Reichtum laut Statistiken der Vereinten Nationen nur in wenigen anderen Städten der Welt ungleicher verteilt als hier. Viel Hölle, wenig Himmel. Und tatsächlich gibt es wenige Megastädte, in denen beide Seiten der Wirtschaft so heftig und unkontrolliert wachsen: die legalen Geschäfte. Und die illegalen.

Nigeria hat 2014 Südafrika als stärkste Wirtschaftsmacht des Kontinents abgelöst. In den letzten neun Jahren wuchs die Wirtschaft des Landes jeweils um durchschnittlich gut sieben Prozent. Von 2015 an waren es zwar nur noch knapp drei Prozent, aber das lag am niedrigen Ölpreis und den Unruhen im Nigerdelta.

Lagos ist die größte Stadt Afrikas und der ökonomische Motor Nigerias, Hassobjekt und Sehnsuchtsort zugleich, eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt. Etwa 14 Millionen Menschen leben hier. Es gibt Drogenbarone und Start-up-Millionäre, es gibt mächtige Ringe von Internetbetrügern und riesige Kirchen, die ihre Pastoren zu Millionären mit Privatjets machen, während die Gläubigen ihre wenigen Scheine in die Klingelbeutel stecken. Je schneller die Stadt wächst, umso mehr wird sichtbar, wie sehr die Infrastruktur dem Boom hinterherhinkt: Wenige andere Städte weltweit haben ein derart schlechtes Stromnetz, wenige produzieren so viel Müll und Dreck, haben so zähe Staus, so schlechtes Trinkwasser, so schmutzige Luft und so lange Schlangen vor den Tankstellen.

Trotzdem: Wer es in Nigeria schaffen will, der kommt hierher. Denn Lagos bietet die größten Möglichkeiten. Reiche Investoren. Maßlosen Luxus. Die Gier, das Streben nach Geld, das ist der Beat der Stadt. Er treibt sie an. Er schickt die Millionen Menschen morgens, wenn die Sonne aufgeht, auf die Straßen, in die Busse, auf die Märkte, in die Büros.

Jetzt, da der Ölpreis fällt, entsteht in Nigeria eine Gründerszene

Es ist dieser Herzschlag, der mittlerweile immer mehr Exilnigerianer zurück in ihr Heimatland kommen lässt, zurück nach Lagos. Männer und Frauen mit hervorragender Ausbildung, mit Karrieren in Europa, in den USA. Sie sagen, das Chaos ziehe sie an. Deswegen gibt es nun immer mehr Start-ups in Lagos.

Lange hatte sich die Stadt nicht unbedingt als Inkubator für junge Technologiefirmen hervorgetan. Wer in Afrika etwas auf die Beine stellen wollte, ging nach Kapstadt oder Nairobi. Nigeria, so sehen es viele Analysten, war gelähmt durchs Öl. Deshalb ist der niedrige Ölpreis eine Chance, denn er stärkt jene, die sich nicht auf die Einnahmen aus Bodenschätzen verlassen wollen. Seit etwa vier Jahren entsteht eine Gründerszene. Auch dank Männern wie Tony Elumelu.

Elumelu lädt an diesem Dienstag in den Sitz seiner Stiftung in die Macgregor Road auf der Insel Ikoyi, die in der Lagune von Lagos liegt. Feine Villen reihen sich hier aneinander, funkelnde Bürotürme und ein Ballett aus Kränen zeugen vom wirtschaftlichen Aufschwung. In einem modernen Anwesen – viel Glas, ein wenig Bauhaus, klare Linien – lädt Elumelu zu Champagner und Kuchen. Nur ein paar Hundert Meter entfernt verrotten alte Regierungsgebäude mit den Fassadenzeichnungen tropischen Schimmels, kurz vor dem Empfang suchte der Brotdieb mit den zerschlissenen Kleidern dort einen Unterschlupf.

Politiker sind zur Tony-Elumelu-Stiftung gekommen, Unternehmerkollegen, Journalisten und ein paar Stipendiaten. Der Investmentbanker und Milliardär Emulelu ist einer der reichsten Männer Nigerias und gilt als einer der 20 einflussreichsten in ganz Afrika. In den nächsten zehn Jahren will er 10.000 junge Unternehmer mit jeweils 10.000 Dollar fördern. Sie sollen mindestens eine Million Arbeitsplätze und 10 Milliarden Dollar Einkommen generieren. Die Vergabe der ersten Stipendien wird heute gefeiert.

Elumelu sieht sich in der Verantwortung, die wirtschaftliche Entwicklung des Landes voranzutreiben. Er hat den Begriff des Africapitalism geprägt. Da man sich nicht auf die korrupte Politik verlassen könne, müsse die Privatwirtschaft die Zukunft in die Hand nehmen, sagt er, an seinem Schreibtisch sitzend. Lagos sei der Schlüssel. Das Tor zum großen nigerianischen, sogar zum ganzen afrikanischen Markt.