Haben seine Augen geglänzt, oder war es die Erwartung der Öffentlichkeit, welche die Vorstellung eines Glanzes in seine Augen zauberte? Insgeheim nahmen doch viele an, Erwin Pröll werde wohl bei der Ankündigung seines Rücktritts von Rührung übermannt zusammenklappen, weil er die Macht über zwei Jahrzehnte lang so lustvoll ausgelebt hatte und nun mit einem Mal loslassen muss.

Aber da war keine Spur von Sentimentalität. Der scheidende Landeshauptmann von Niederösterreich schien bei seiner Abschiedspressekonferenz sogar etwas erleichtert zu sein. Zu unangenehm war die Diskussion über die seltsame Privatstiftung gewesen, die seinen Namen trägt und mit Steuergeldern genährt wurde. Strafrechtlich birgt die gemeinnützige Einrichtung zwar keinen Sprengstoff, aber sie lieferte viel Munition für peinliche Diskussionen über die politischen Sitten, die in diesem schwarzen Kernland herrschen. Das wollte sich der Patriarch ersparen.

Landesvater Pröll ist 70 Jahre alt, und er musste in letzter Zeit schon zu viele unangenehme Debatten und irritierende Gerüchte verdauen. Sie drehten sich um zahlreiche Winzerköniginnen und um angeblichen Nachwuchs, den er aushäusig gezeugt haben soll. "Pröll schiebt jeden Sonntag einen Zwillingskinderwagen durch Krems", tuschelten die Lästerzungen. Von scharfen Trafikantinnen in seiner Weinviertler Heimatgemeinde Radlbrunn war die Rede; bloß gibt’s in Radlbrunn gar keine Trafik. Vor einigen Monaten wurden zwei Verdächtige ausgeforscht – enttäuschte Querulanten aus der Gegend um Krems –, die mit solchem Stoff die sozialen Medien fütterten, wo sich dieser und ähnlicher Unfug schnell verbreitet hatte. Zugleich aber ist das Biotop des ausgebildeten Agrarökonomen auch ein fruchtbarer Boden, auf dem die Blumen der bösen Nachrede besonders gerne sprießen.

Niederösterreich ist ein merkwürdiges Land. Pröll regiert mit eiserner Hand, lässt seine Funktionäre im Kasernenton Kritiker niedermachen – und nutzt die Reputation, die er in Partei und Land genießt, um Dinge durchzusetzen, die Politiker sonst nur mit der Feuerzange anfassen. Dem kulturellen Gusto des typischen niederösterreichischen ÖVP-Wählers entsprechen etwa die von Pröll beauftragten Museen für Hermann Nitsch, Manfred Deix und Arnulf Rainer wohl kaum. Felix Mitterer, Peter Turrini, Marianne Mendt – keiner der nach Niederösterreich übersiedelten Künstler, der nicht die kulturelle Offenheit des Landes in hohen Tönen lobte.

Niederösterreich mag nicht die höchsten Berge oder die aufregendste Hauptstadt haben, aber es ist von verblüffender Vielfalt. Während in Zwettl laut Landesstatistik 248 Tage im Jahr geheizt werden muss, wurde aus Bad Deutsch Altenburg im Vorjahr die höchste je im Bundesgebiet gemessene Temperatur gemeldet: 40,5 Grad. Die Wiener Randgemeinden Klosterneuburg und Mödling zählen zu den wohlhabendsten der Republik, jene im nördlichen Waldviertel zu den ärmsten. Im Süden ragen die Alpen herein, im Osten läuft die Ebene der Puszta aus.

Die Restösterreicher machen sich vom Land unter der Enns ein beschauliches Bild: Laut einer Studie der Nationalbank aus dem Jahr 1999 denken 52 Prozent der Wiener, wenn sie "Niederösterreich" hören, an "schöne Landschaft". Den Tirolern hingegen fällt zu Niederösterreich sofort "Wein" ein. Das dürfte seither so geblieben sein.

In Niederösterreich ändert sich nichts schnell. Auch das behäbige Tempo, das in diesem auf Tradition ruhenden Teil der Republik den Alltag diktiert, mag zu einem gewissen Teil erklären, dass ein entschlussfreudiger Tatmensch wie Pröll so fest die Zügel in der Hand halten konnte. Ein wenig ist dies das Erbe der Geschichte.

Die heutigen Landesgrenzen gelten seit mehr als einem Jahrtausend. Die Babenberger hatten jene zu Mähren nördlich von Raabs an der Thaya gezogen und die March als Limes gegen den Osten festgelegt. Die Enns war der westliche Grenzfluss, seit die Awaren im 8. Jahrhundert bis an seine Ufer vorgedrungen waren. Schließlich legte der in Wien regierende Böhmenkönig Ottokar 1260 die Kalkalpen als Grenze zur Steiermark fest.