Als er die Orgie sah, als er das Götzenbild erblickte, wurde Mose vom Jähzorn überflammt. Er zerdrosch die Tafeln mit den göttlichen Gesetzen. Er griff zur MPi und ballerte in den Techno-Tempel. Berge von Toten, zur Ehre Gottes. Sein Volk hatte sein Gebot missachtet: DU SOLLST NICHT HUREN. Der Rächer brach ein anderes: DU SOLLST NICHT TÖTEN. Gott sah all dies. Und schwieg.

Glückliches Thüringen, reich an Bühnen. Metropolenfern gedeiht Qualitätstheater. Meiningen und Rudolstadt stemmten unlängst Goethes Faust, die Rudolstädter nun gar Die Bibel – von Gott? Bekanntlich ist das Buch der Bücher ein Kompendium höchst verschiedener Schriften, binnen tausend Jahren verfasst vom Autorenkollektiv Menschheit/Abteilung Nahost, zum Medium göttlicher Offenbarung erklärt, global verbreitet und verhöhnt. Oder ignoriert, wie in der vulgärmaterialistischen DDR. In deren Endzeit publizierte die Marxistin Inge von Wangenheim einen besorgten Essay: Ohne Bibelkenntnis verdumme die sozialistische Gesellschaft, weil ihr die Kunstgeschichte unverständlich sei.

Die Rudolstädter Bibel-Aufführung ist ein Werk des schwedischen Autors Niklas Radström, inszeniert von Alejandro Quintana. Das Programmheft enthält ein Glossar, von "Schöpfung" bis "Buch des Lebens". Adam und Eva umarmen einander unterm Schlangenbaum. Sie verstoßen gegen Gottes Obstverfügung und werden aus dem Paradies in die Geschichte vertrieben. Die Welt entrollt sich als rasante Revue: Kain erschlägt Abel, die Menschheit verscheußlicht, Noahs Arche rettet den Kernbestand der Schöpfung. Gott macht Abraham zum Stammvater eines erwählten Volks, doch dessen Glaube und Politik pervertieren rassistisch. Gott mahnt und straft. Er sendet Engel und Propheten. Er prüft Abrahams Gehorsam – mit dem Auftrag zum Sohnesmord. Er klammert sich an Hiob – und überlässt ihn Luzifer zur Folter. Hiob besteht, doch um welchen Preis? Adam und Eva, längst getrennt, durchstreifen die kriegsverwüstete Welt als Mensch und Menschin aller Zeiten. Endlich begreift Gott und opfert sich selbst. Der Bergprediger Jesus erscheint. Sein Publikum lauscht – und verdrückt sich bald.

Nicht in Rudolstadt. Nach vier atemberaubenden Stunden Jubel und wildes Getrampel. Auch der Ostkurveur, skeptisch angereist, war biblisch begeistert.

Die nächsten Aufführungen finden am 24. und 25. Februar statt. Für weitere Termine bis Juni siehe www.theater-rudolstadt.de.