Die Angelegenheit klingt verrückt. Da reibt sich die größte Gemeinschaft des Christentums in jahrelangen Diskussionen um eine Frage auf, die nur Spezialisten verstehen: Sakramente für wiederverheiratete Geschiedene, Ja oder Nein? Die Debatte wirkt wie die hinterwäldlerische Diskussion, in die sich die katholische Kirche unter Papst Franziskus verstrickt hat, die sie aber dennoch an die Grenzen ihrer Belastbarkeit bringt. Man könnte den Fall abtun mit dem Eindruck, dass die Kirche sich endgültig verabschiedet hat aus der Wirklichkeit. Doch so leicht ist die Sache nicht. Vergangene Woche sind auch die deutschen Bischöfe dem Papst gefolgt. In ihrer Interpretation des Papstschreibens Amoris laetitia über Ehe und Familie und die Rolle, die die Kirche auf diesem Gebiet spielen soll, erweisen sich die Bischöfe als Erfüllungsgehilfen von Franziskus. Katholiken, die ein zweites Mal standesamtlich geheiratet haben und deshalb nach der strengen katholischen Lehre Ehebruch begehen, dürfen in Ausnahmefällen nun auch in Deutschland ganz offiziell zur Kommunion. So konnte, ja musste man Amoris laetitia verstehen.

In vielen Gemeinden ist diese Haltung schon lange Praxis. Die Entscheidung ist deshalb weder überraschend noch besonders mutig. Aber es ist Teil eines epochalen Veränderungsprozesses in der katholischen Kirche. Die Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene ist das Trojanische Pferd, das der Papst der katholischen Kirche vor ihre unüberwindbar scheinenden Mauern gebaut hat. Die Bischöfe, zumindest die deutschen, zerren es nun ins Innere des Gebäudes.

Im Pferd verstecken sich nicht griechische Soldaten, sondern ein Gedanke, dessen Inhalt existenzbedrohend für die Kirche ist. Der Gedanke heißt Gewissensfreiheit. Der Papst gibt in Amoris laetitia zu verstehen, dass der Kommunion-Empfang für die (numerisch kleine) Spezies der wiederverheirateten Geschiedenen möglich ist, wenn die Betroffenen den Schritt mit ihrem Gewissen vereinbaren.

So ähnlich hat der Papst sich auch bei seinem Besuch in einer römischen protestantischen Kirche im November 2015 auf die Frage der gemeinsamen Kommunion von gemischtkonfessionellen Paaren ausgedrückt. "Seht selbst", sagte Franziskus damals, und "geht voran!" So lautet die neue Devise in der katholischen Kirche.

Eine der einflussreichsten Bischofskonferenzen, die deutsche, hat ihr nun die Legitimation erteilt. Es geht eigentlich gar nicht darum, wer die Kommunion oder die Sakramente in welchem Fall erhalten darf. Es geht um die Art und Weise, wie diese Entscheidung zustande kommt. Nicht mehr wie bisher von oben herab gefällt, vom Bischof oder Priester, der einem strengen, von Rom vorgegebenen und überwachten Moralkodex folgen musste. Heute entscheidet der Betroffene selbst. Der kann freilich, so würde jeder einigermaßen wache Bischof hinzufügen, sein Gewissen nicht im Freistil bilden, sondern muss strengen Abläufen folgen, abwägen, sich Einwände gefallen lassen. Auch Franziskus gibt Kriterien zur Unterscheidung an die Hand. Ein Priester soll den Prozess der Gewissensbildung begleiten. Ein bisschen Überwachung muss sein. Denn das menschliche Gewissen ist gefährlich für die katholische Kirche.

Deshalb wird auch der Streit in der Weltkirche um Amoris laetitia so unerbittlich geführt. Er ist für die Kirche von existenzieller Bedeutung. Die Grundfrage, die der Auseinandersetzung zugrunde liegt, haben auch vier oppositionelle Kardinäle, darunter der ehemalige Kölner Erzbischof Joachim Meisner, in einem Protestbrief an Franziskus formuliert. Es ist die Frage nach dem Verhältnis zwischen Gewissen und absoluten moralischen Normen. Die Identität der katholischen Kirche wird heute durch solche Normen bestimmt. Du sollst dich nicht scheiden lassen, du sollst keinen homosexuellen Neigungen nachgehen, nicht verhüten und nicht abtreiben. Was passiert, wenn auf einmal menschliches Ermessen in allen diesen Fragen eine Rolle spielen darf, weil die persönliche Situation einen differenzierten Zugang erfordert? Das strenge Moralgerüst der Kirche bricht zusammen. Die Kirche wird über kurz oder lang eine andere.

Im vorliegenden Fall sind die deutschen Bischöfe dem Papst gefolgt und haben den ersten Stein aus der Mauer der katholischen Moral herausgenommen. Franziskus deutet in Amoris laetitia an, dass trotz des biblischen Verbots des Ehebruchs Situationen entstehen können, in denen ein Gläubiger sich dennoch rechtmäßig für den Empfang der Sakramente entscheiden kann (Gewissen). Bislang untersagte die Lehre einen solchen Schritt. Fortan steht die Entscheidung auch offiziell dem Einzelnen frei. Das ist ein neues Prinzip, das als Schlüssel für andere Probleme dienen wird.

Natürlich wusste Franziskus, was er da tat. Der Schritt, den schon die oberrheinischen Bischöfe, unter ihnen Walter Kasper, 1993 forderten und den der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Joseph Ratzinger, blockierte, war von langer Hand geplant. Nicht zufällig ließ der Papst Kasper im Februar 2014 ein Impulsreferat zum Thema halten, er ließ Fragebögen verschicken, die die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit in der Kirche offenlegten, und zwei Bischofssynoden in Rom zum Thema abhalten, um in Amoris laetitia ein schwammig formuliertes Machtwort zu sprechen.

Die Ungenauigkeit seiner Formulierungen war Kalkül. Einerseits, um die Gegner nicht unnötig wachzurütteln. Andererseits, um den Dingen freien Lauf zu lassen. Neben den deutschen Bischöfen äußerten sich auch die maltesischen sowie die Bischöfe der Provinz Buenos Aires im Sinne von Franziskus. Aus den USA und aus der Schweiz kamen restriktive Interpretationen. Diese Divergenzen sind gewollt. Franziskus ist überzeugt, dass die Kirche regionale und dezentrale Akzente verträgt. Mit dem Risiko oder der Absicht, dass vom katholischen Moralgerüst am Ende nicht mehr als ein Gerippe bleiben wird.